Archiv für den Monat Juni 2016

Gesagt, aber nicht getan!

Die Mehrheit der Deutschen liest auf Sprachniveau B1 oder niedriger. Das nennen wir ’normales Deutsch‘. Trotzdem schreiben die meisten Betriebe und Behörden ihre Texte auf dem höheren Sprachniveau C1. Das entspricht dem, was auf der Fachhochschule vorausgesetzt wird.

Das soll sich nun ändern. Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat schon im Juli 2013 beschlossen, „einfache Sprache“ populär zu machen und eigene Publikationen dafür zu nutzen (Drucksache 6/2250).

Drei Jahre später, im Juni 2016, fragten wir nach,  welche Publikationen in einfacher Sprache inzwischen zugänglich sind. Uns wurde daruafhin mitgeteilt, ein solches Angebot halte der Landtag derzeit nicht vor. Perspektivisch soll es dies aber geben. Erste Planungen und Überlegungen dazu gäbe es bereits.

Wann mit einer konkreten zeitlichen Umsetzung zu rechnen sein wird, konnte man uns aufgrund des derzeitigen Planungsstandes nicht mitteilen.

Gesagt, aber nicht getan! Wenn wir wirklich wollen, dass alle verstehen, was Politiker und Behörden sagen, müssen wir Texte in einfacher Sprache einfordern. Von alleine passiert sonst nicht viel.

Photo credit:Peter Zuco via DesignHunt / CC BY-SA chinesisch

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Gefühlt – beschämt – tabu

Laut der Hamburger Umfeldstudie kennen fast 40% der Befragten jemanden, dem Lesen und Schreiben schwerfällt. Dennoch sprechen viele das Thema nur ungern an. Auch in unserer Arbeit mit Einrichtungen und Behörden ist uns immer wieder aufgefallen, dass Mitarbeiter zwar merken, dass ein Kunde nicht gut lesen und schreiben kann, aber nicht offen auf diese Situation reagieren. So entsteht eine tabuisierende Mitwisserschaft. Während die Mitarbeitenden es vermeiden, mit Kunden über ihre Schwäche zu sprechen, versuchen die Kunden diese Schwäche zu verbergen. Beide Seiten empfinden Scham. Um sich nicht bloßzustellen, schaffen sie ein Tabu.

Diese doppelseitige Dynamik hat zur Folge, dass wir bei unseren Sensibilisierungsveranstaltungen nicht nur über die Scheu der Betroffenen sprechen müssen. Die Schamgefühle der Mitarbeitenden sind ein großer Teil des Problems. Sie blockieren genauso stark die Kommunikation und tragen damit zur Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft bei.

Stephan Marks ist ein Sozialwissenschaftler, der die Ursachen von Schamgefühlen im öffentlichen Raum untersucht hat. In dem folgenden kurzen Film erklärt er, wie diese Schamgefühle entstehen.

Wer, wie BLICKPUNKT alpha, den Auftrag hat, das Thema Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene zu „ent-tabuisieren“, sollte also mehr leisten, als das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.  Zur Bewusstseinsbildung gehört auch, die Werte der Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen, und öffentlich über die Differenz zwischen Erwartung und Wirklichkeit nachzudenken.

 

Wer ist betroffen?

In der Welt der Alphabetisierung und Grundbildung sprechen wir oft von den “Betroffenen”. Dieses Wort meint Menschen, die beim Lesen und Schreiben Probleme haben und deshalb Formulare und Texte nicht gut verstehen können. Laut leo.-Level-One Studie kommt jeder 7. deutschsprachige Erwachsene nur mit Mühe über die Satzebene hinaus. Weitere 25,9% der Bevölkerung (jeder vierte Erwachsene) sind im schriftlichen unsicher und haben Probleme längere Texte zu verstehen.  Das sind zusammen fast 40%!

Photo credit: Todd Berman via Interior Design / CC BY-NC-SA

Wir können nicht 40% der Gesellschaft durch Schrift ausgrenzen!

Die Ergebnisse der Studie führen zu betroffenen Reaktionen. Gerade die Menschen, die Lesen und Schreiben für selbstverständlich halten, sind konsterniert. Für sie ändert sich der Blick auf die Gesellschaft. Sie merken, dass Schriftsprache eine Barriere sein kann. Für viele Menschen ist der Alltag mit Schrift vielleicht nicht so einfach, wie es scheint.

Das Thema betrifft uns alle. Entweder sind wir betroffen, weil wir mit Texten Probleme haben – oder weil wir durch komplizierte Sätze es anderen schwer machen.

40% sind keine Randgruppe

Die leo.-Level-One Studie zeigt, dass insgesamt 40% aller Erwachsenen sehr schnell durch Schrift ausgegrenzt sind. Das ist fast die Hälfte der aktiven erwachsenen Bevölkerung in Deutschland! Sehr viele dieser Menschen haben kein Problem im Leben zurechtzukommen, wenn sie sich mündlich orientieren können. Auch Bilder und You Tube Videos helfen ihnen, die Information zu bekommen, die sie brauchen. Dennoch trauen sich viele Erwachsene, die im Schriftlichen unsicher sind, nicht um Hilfe zu bitten, wenn sie mit einer Schriftsituation überfordert sind.

Schriftsprache kann eine Barriere sein

Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat im Juli 2013 beschlossen, etwas dagegen zu tun. In seiner 49. Sitzung (Drucksache 6/2250) hat er sich für die Förderung von Alphabetisierung und Grundbildung ausgesprochen. Dazu gehört auch der Beschluss, „einfache Sprache“ populär zu machen und eigene Publikationen dafür zu nutzen. Mit diesem Beschluss sollen auch die Medien unterstützt werden. Die Nationale Dekade zur Alphabetisierung und Grundbildung möchte alle Menschen in ihrer Teilhabe stärken.

Photo credit: Todd Berman via Interior Design / CC BY-NC-SA

Grundbildung und Gesundheit

In Deutschland werden rund 70 Millionen Versicherte von einer gesetzlichen Krankenkasse versorgt. Wie gut können diese Menschen Informationen zum Thema Gesundheit finden, verstehen und umsetzten?  Die Antwort auf diese Frage gibt eine aktuelle Studie, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) veröffentlicht hat.

  • 14,5% der Versicherten haben eine unzureichende Gesundheitskompetenz.
  • Bei 45% der Versicherten ist die Gesundheitskompetenz „problematisch“.

Eine niedrige Gesundheitskompetenz bedeutet hohe Kosten im Gesundheitsbereich.

Marion Döbert von der VHS Bielefeld weist darauf hin, dass Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, oft auch gesundheitlich benachteiligt sind. Ohne ausreichende schriftliche Fähigkeiten erreichen sie kaum die Ebene der zu erwartenden Gesundheitskompetenz. Sie vermeiden Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen und machen selten von Präventivangeboten Gebrauch.

Diese Menschen sind darüber hinaus grundsätzlich gesundheitlich benachteiligt, weil sie mit ökonomischen, kulturellen und sozialen Belastungen leben.

Professorin Doris Schaeffer der Universität Bielefeld forscht zum Thema Health Literacy in Deutschland. Sie wirbt für eine „nutzerfreundliche Versorgungsgestaltung“ im Gesundheitsbereich.

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