Archiv für den Monat März 2016

Selbsthilfe hilft

Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Unterstützung bei der Bewältigung von Krankheiten, Behinderungen, psychosozialen Problemen und schwierigen Lebenssituationen. Teilnehmende gehen in erster Linie um ihrer selbst willen in die Gruppe. Dort tauschen sie ihre Erfahrungen aus und setzen sich in der Öffentlichkeit für ihre Belange ein.

Auch Menschen, die nicht gut lesen oder schreiben können, gründen Selbsthilfegruppen. Eine Liste von diesen Gruppen gibt es bei alpha-fundsachen.

Selbsthilfetreffen haben für den Einzelnen unterschiedliche Bedeutung:

  • Kontakte: Regelmäßige Gruppentreffen und Unterstützung im Alltag helfen Menschen, sich nicht einsam und hilflos zu fühlen.
  • Erfahrungsaustausch: Probleme werden offen angesprochen. Dadurch können sich Alltagsprobleme vermindern. Außerdem kann auf Wunsch konkrete Hilfe bei der Kursaufnahme gegeben werden.
  • Persönliches Wachstum: Menschen sind freiwillig und eigenverantwortlich dabei. Durch den bewussten Umgang mit sich selbst und den anderen können die Teilnehmenden Sicherheit gewinnen und diese auf den Alltag übertragen.
  • Gemeinsames Handeln: Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stärker“ kann eine Gruppe ihre Interessen besser verfolgen und durchsetzen als der/die Einzelne.

Die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg wurde 2011 von den Lernenden Brigitte und Ernst gegründet. Beide lernen in Kursen der VHS Oldenburg. Brigitte in einem Abendkurs und Ernst in der ABC-Intensiv-Lerngruppe. Sie haben über ihre Gruppe auch schon einen Film gedreht.

Im Burgenlandkreis gibt es ca. 60 verschiedene Selbsthilfegruppen. Weit mehr als 500 Menschen sind in diesen Zusammenschlüssen regelmäßig aktiv. Noch gibt es keine Gruppe für Menschen, die im Alltag mit Schrift überfordert sind. Wer eine Gruppe gründen möchte, kann sich bei der Selbsthilfekontaktstelle Burgenlandkreis melden. Auch Blickpunkt alpha nimmt Anfragen gerne entgegen.

Foto: Stefanie Hofschlaeger pixelio.de

 

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Kennen Sie diese Bilder?

Es gibt eine neue Bildersprache am Arbeitsplatz. Es geht dabei um Gefahren-Piktogramme in der EU. Die neuen Piktogramme haben die Form einer roten Raute mit weißem Hintergrund und ersetzen die alten orangefarbenen rechteckigen Symbole. Seit dem 1. Dezember 2010 sind bereits einige Stoffe und Gemische nach der neuen Vorschrift gekennzeichnet, die alten Piktogramme dürfen jedoch noch bis 1. Juni 2017 verwendet werden.

Die neue Bildersprache ist besonders wichtig für Menschen, die nicht gut lesen können.

 

Wer weiß Bescheid?

Wer nicht gut lesen oder schreiben kann möchte von anderen nicht erkannt werden. Fehlende Grundbildung unter Erwachsenen ist tabu.“

So die allgemeine Meinung. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Laut einer neuen Hamburger Studie kennen viele Menschen jemanden, dem lesen und schreiben schwerfällt. Fast 40% der Befragten gaben an, dass sie jemanden kennen, der nicht ausreichend lesen und schreiben kann.

Die Studie zum mitwissenden Umfeld funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten wurde 2015 von der Universität Hamburg veröffentlicht. Hier standen nicht die betroffenen Erwachsenen im Fokus, sondern deren Umfeld: Menschen aus Familie, Kollegium, Nachbarschaft und Freundeskreis.

Die Umfeldstudie zeigt deutlich, dass Menschen, die nicht gut lesen oder schreiben können, bei ihren Freunden oder Bekannten Unterstützung finden. Auch im beruflichen Umfeld ist das Thema kein Tabu. Oft gehen Betroffene und Mitwissende offen und pragmatisch mit der Sache um. Kolleginnen und Kollegen helfen einander, um die Arbeit zu schaffen.

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass die Mitarbeiter der Jobcenter viele Menschen kennen, die im Schriftlichen ihre Probleme haben. Hier allerdings wird das Thema nicht immer offen angesprochen. Mitarbeiter befürchten, dass das Gespräch unangenehm wird, oder sie wissen nicht genau, wie sie helfen können. Eine große Hürde in der Ansprache ist die Tatsache, dass Grundbildung für Erwachsene nur bedingt gefördert werden darf.

Wie können wir als mitwissendes Umfeld unseren Handlungsspielraum vergrößern? Und welche Handlung macht am meisten Sinn?

Das Wissen um das Thema ist nur der erste Schritt. Ohne die örtliche und öffentliche Vernetzung von Akteuren, wie z.B. mit den Jobcentern und Volkshochschulen,  werden Menschen nur schwer die Ansprache und Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Aus diesem Grund möchten wir Gespräche zum Thema Grundbildung voranbringen.

Photo credit: savoirfairelinux via Foter.com / CC BY

 

 

 

Triff die Wahl!

 

Am Sonntag, den 13. März sind Wahlen in Sachsen-Anhalt. Mit Flyern und Werbesprüchen werden wir ermutigt, die Politik in unserem Bundesland demokratisch mitzugestalten. Das ist aber leichter gesagt als getan. Für die Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, kann der Weg ins Wahllokal eine Herausforderung sein.

Schon vor drei Jahren hat die Bundestagsfraktion der SPD gefordert, dass die Wahlzettel mit Bildern von Kandidaten gedruckt werden sollen. Dies würde den 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland die politische Teilhabe erleichtern.

In einem Zeitungsinterview sah Peter Hubertus vom Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung den Vorschlag damals eher kritisch. „Ein Logo oder ein Foto ist ja allenfalls eine Krücke, um eine konkrete Anforderung zu bewältigen. Es geht eher darum, dass Menschen befähigt werden, auch komplexere Herausforderungen anzunehmen, bei denen sie doch lesen und schreiben besser beherrschen sollten.“ – Peter Hubertus. Mit Bildern auf dem Wahlzettel mache es sich die Politik zu leicht. „… der entscheidende Punkt ist, wie will man eine begründete Wahlentscheidung treffen, wenn jemand nicht lesen und nicht schreiben kann?“ Die Bildungsaufgabe des Staates setze lange vor der Wahl schon an.

Auch heute noch sind diese Fragen relevant. Laut der leo.–Studie (2011) der Uni Hamburg sind fast 40% der wahlberechtigten Bürger in Deutschland mit längeren, komplexen Texten überfordert. Ohne politische Grundbildung für diese Menschen kann eine Wahl nicht wirklich demokratisch sein.
In Sachsen-Anhalt hat die Landeszentrale für politische Bildung ein Informationsheft in Leichter Sprache herausgegeben. In diesem Heft wird erklärt, wie die Landtagswahl funktioniert. Leider wissen die meisten Menschen nicht, dass es solche Informationshefte gibt. Auch wir haben trotz Vorwissen sehr gezielt suchen müssen, um den Link überhaupt zu finden.

Bei den inhaltlichen Fragen zur Wahl sieht es nicht viel besser aus. Die wenigsten Parteien haben sich die Mühe gemacht, ihr Wahlprogramm so zu gestalten, dass Menschen mit Leseschwierigkeiten sich leichter informieren können. Welche Parteien überhaupt Informationen in Leichter Sprache haben, sehen Sie hier.

Unsere Recherchen zeigen sehr deutlich, dass die Politik die Lage der Erwachsenen mit Lese-und Schreibschwierigkeiten nicht ernst nimmt. Sie nimmt auch ihre Teilhabe in unserer Demokratie nicht ernst. Ob die einzelnen Politiker in Sachsen-Anhalt überhaupt wissen, dass Sie Millionen potenzielle Stimmen verschenken?