Archiv für den Monat November 2016

Weihnachts-Mann-Missbrauch!

Grundbildung nachholen – nicht ausreichend lesen und schreiben – nicht teilhaben können – verpasste Chancen aufarbeiten – mit der Schrift kämpfen – Chancen für Analphabeten schaffen – ein Weihnachtsmann, der Fehler macht, weil er nicht gut lesen kann …

Wenn wir die Sprache anschauen in der Grundbildung für Erwachsene in der Öffentlichkeit dargestellt wird, verstehen wir, warum niemand sich als Grundbildungsbedürftiger „outen“ will. Das Thema hat scheinbar nur etwas mit einer Defizitgruppe zu tun. Jeder Erwachsene, der einen gesunden Selbstschutz hat, wird sich mit dieser Haltung nicht identifizieren.

Der implizite Aufruf an die Öffentlichkeit bei diesen Schlagzeilen und Werbespots ist nicht weniger beschämend. Es gilt unter uns diese defizitäre Gruppe zu finden, und auf Vordermann zu bringen. Wir als Mitwissende sind auch irgendwie betroffen. Auch wir haben irgendwie versagt.

Dabei gibt es „Funktionaler Analphabeten“ als soziale Einheit in unserer Gesellschaft überhaupt nicht. „Funktionale Analphabeten“ sind eine statistische Größe. Der Appell gilt somit einer, von außen, theoretisch konstruierten Gruppe, die sich im wirklichen Leben so nicht finden lässt.

Die Mischung aus Statistik und Schlagzeilen verführt leider nicht nur in der Presse dazu, eine Zielgruppe zu konzipieren, die es nicht wirklich gibt. Auch wir in der Grundbildungsarbeit sind mit unseren Profi-Kürzeln wie „Alpha-Level 3“ nicht vor Illusionen geschützt. Darum ist die Werbung in der Grundbildung auch mehr oder weniger peinlich. Sogar der Weihnachtsmann musste in der Vergangenheit dafür herhalten, auch wenn es ihn – eventuell – überhaupt nicht gibt!

Natürlich gibt es Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können. Natürlich gibt es Menschen, die einen Grundbildungsbedarf haben. Und es gibt auch sehr viele Menschen, die mit Schrift im öffentlichen Leben überfordert sind. Sie sind als Gruppe jedoch weder greifbar noch ansprechbar.

Diese Menschen haben komplexe Biografien, in denen das Lesen und Schreiben sehr unterschiedlich bewertet wird. Das Einzige was alle gleichsam betrifft, ist die Angst vor dem Bildungsdünkel derer, für die Lesen und Schreiben eine Selbstverständlichkeit ist.

Heute am 28.11.2016 findet eine Auftaktveranstaltung für die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Berlin statt. Die Öffentlichkeitsarbeit in der Grundbildung steht fest im Programm. Zeitnah begann am 21.11. ein Werbespot in Kino und Fernsehen, der auch im Internet unter dem Slogan Nur Mut zu finden ist.

Obwohl wir diese Initiativen sehr begrüßen, möchten wir dennoch zu einer wachsamen, ehrlichen und kritischen Haltung ermuntern, die den Pressemitteilungen ihre Schlagzeilen über „die Analphabeten“ austreibt. Dazu braucht es etwas Mut – aber den sollten wir wenigstens aufbringen, wenn wir schon mit diesem Slogan im Kino unterwegs sind.

Photo credit: Matti Mattila via Foter.com / CC BY

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Vorlesemarathon

Am 18 November 2016 findet der bundesweite Vorlesetag statt. In Sachsen-Anhalt startet an diesem Tag auch der erste Vorlesemarathon für Erwachsene. Der Vorlesemarathon beginnt um 10 Uhr in Naumburg/ Saale. Stündlich übernehmen dann andere Standorte die Staffel, bis der letzte Vorleser in Stendal um 16 Uhr mit dem Lesen beginnt.

Unter dem Motto Erwachsene lesen für Erwachsene möchten wir auf die Millionen Mitbürger aufmerksam machen, die ihren Kindern nicht vorlesen, weil sie selber mit dem Lesen von Büchern überfordert sind.  Ihnen fällt es schwer, Begeisterung für das Lesen und Vorlesen zu wecken und darum kommen viele Kinder erst in der Schule mit dem geschriebenen Wort in Kontakt.

Wir haben uns für die Idee eines Marathon entschieden, weil man einen langen Atem braucht, während man Schritt für Schritt vorankommt. Weil man immer weiter macht, selbst wenn man stolpert. Weil man sich neue Ziele setzt, sobald man das Zielband gerissen hat. Genauso geht es Menschen in der Grundbildung, die Lesen und Schreiben im Erwachsenenalter lernen. Aber auch Projektmitarbeiter, Kursleiter und Akteure in der Alphabetisierungsarbeit wissen: mit ein paar schnellen Schritten ist die Arbeit nicht getan.

Die Forschung (Vorlesestudie 2011) zeigt, dass Vorlesen ein wichtiger Teil unserer Bildungserfahrung ist. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird,

  • verfügen über einen deutlich größeren Wortschatz als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung,
  • haben im Schnitt bessere Noten und
  • später mehr Spaß am Selbstlesen und im Umgang mit Texten.

In der aktuellen Vorlesestudie 2016 gibt es Informationen zum Thema „Was wünschen sich Kinder?“ Wichtig ist die Erkenntniss, dass es beim Vorlesen auch immer um die Zeit für eine Beziehung geht.

Leider gibt es aber noch keine Erhebungen darüber, was sich Erwachsene wünschen, die selber nicht gut lesen und schreiben können.