Archiv der Kategorie: Einfache und Leichte Sprache

Frag-Würdig?

Am Fachtag der Landesnetzwerkstelle in Sachsen Anhalt stand das Thema Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt. Armin Himmelrath stellte aus der Perspektive eines Journalisten vor, wie eine gute Kooperation mit der Presse aussehen könnte und regte in einem Workshop Ideen für gute Pressemeldungen an. Laut Herrn Himmelrath möchten Journalisten, die in der Presse zum Thema Grundbildung schreiben, drei Bausteine für ihren Bericht:

  1. eine gute Geschichte (mit Protagonisten)
  2. eine Veränderung (Was ist neu? Hoher Interessenwert, bis hin zu Klatsch und Tratsch)
  3. eine hohe soziale Relevanz (Gemeinwohl)

Diese Bausteine sind auch in den Bundeskampagnen und der Öffentlichkeitsarbeit verscheidener Grundbildungsprojekte beliebt. Vor allem in der Teilnehmergewinnung scheint es sinnvoll, dem „Lernbedarf“ ein Gesicht zu geben indem Lernende öffentlich über ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sprechen. Der Lerner- als Protagonist (1)- erzählt eine persönliche Geschichte, die durch die Emotionalität eines Einzelschicksals hohen Interessenwert (2) hat. Die Tatsache, dass dieser Mensch für 7.5 Millionen Erwachsene steht, gibt der Botschaft die soziale Relevanz (3).

Es wäre aber für unsere Arbeit kurzsichtig, wenn wir auf einen kritischen Blick auf diese drei Bausteine verzichten. Wenn wir es mit der Teilnehmergewinnung ernst meinen und schamfreie Zugänge zum Lernen anbieten wollen, müssen wir unbedingt auch über die falschen Eindrücke sprechen, die durch diese Art der Berichterstattung entstehen können:

(1) Die oberflächliche Verbindung des Einzelnen mit der leo.-Level one Studie  schafft den Eindruck, dass Menschen, die nicht gute Lesen und schreiben können, tatsächlich eine  „Gruppe“ bilden und eine erkennbare soziale Zugehörigkeit und Identität haben. So eine Gruppe gibt es aber in Realität nicht und kann daher auch nicht undifferenziert angesprochen werden. Die 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland sind eine statistische Hochrechnung eines sozialen Phänomens.

(2) Der Fokus auf eine persönliche Geschichte in Presse und Werbung führt nicht nur zu einer Personalisierung, sondern auch zu einer Verfälschung dieses Phänomens. Die Lese- und Schreibschwierigkeiten werden beispielhaft an dem Einzelnen festgemacht, stellen sich aber ohne gesellschaftlichen Kontext nur als persönliche Schwäche dar. So entsteht der Eindruck, dass es sich beim Grundbildungsbedarf Erwachsener um Einzelfälle handelt, deren Problem durch eine individuelle „Lernleistung“ behoben werden kann. Durch die persönliche Geschichte verschwindet die Tatsache aus dem Blick, dass die Definition des funktionalen Analphabetismus sinnlos ist, wenn sie ohne den konkreten Schriftkontext benannt wird.

Es gibt kaum Analphabeten in Deutschland, aber sehr viele Menschen, die trotz Alphabetisierung Schwierigkeiten haben. Fast 40% der erwachsenen Bevölkerung erleben viele, konkrete und alltägliche Situationen, in denen das Lesen und Schreiben nicht ausreichend, situationskonform funktioniert. Diese Kontexte lassen sich schlecht pauschalisieren, zumal sie sich sehr schnell ändern können. Damit unsere Öffentlichkeitsarbeit akkurat und sinnvol bleibt, wäre es daher wichtiger, nicht über persönliche Schwächen des Einzelnen zu sprechen, sondern darauf hinzuweisen, dass gerade die sich schnell wandelnden Kontexte in Wirtschaft und Kommunikation in erster Linie für die Überforderung der Erwachsenen in Deutschland verantwortlich sind.

(3) Die Beispielfunktion des Einzelnen in der Öffentlichkeit kippt leicht in die Darstellung eines „Defizitbürgers“ um. Dies wiederum verschleiert strukturelle Missstände, die politisch unbequem sind. Zwei dieser Missstände möchte ich hier aufführen:

  1. Der öffentliche Schriftverkehr, der den Bürgern Teilhabe sichern soll, findet meistens auf dem Sprachniveau C1 oder C2  statt. Sprachniveau C1 allerdings setzt Text- und Systemfähigkeiten voraus, die man erst in der Oberschule erwirbt.  Ein Oberschulabschluss darf aber keine Voraussetzung für Teilhabe sein. Da Ämter und Einrichtungen ihre Schriftstücke in erster Linie mit einem juristischen Blick formulieren,  kommunizieren sie auf eine Art und Weise, die den Bürgern nicht leicht zugänglich ist. Dies wiederum erschwert die Zusammenarbeit des Einzelnen mit den Ämtern und macht Teilhabe zum Problem. Das heißt, auf Grund eines Systemproblems (undifferenzierte Sprache) entsteht ein unangemessener Schriftkontext, und deshalb erleben sich viele gestandene Bürger und Bürgerinnen in Deutschland als funktionalen Analphabeten.
  2.  Ein zweiter Missstand, der sich durch die personalisierte Pressearbeit verschleiern lässt, ist die Tatsache, dass die Erwachsenenbildung – und somit das lebenslange Lernen – bundesweit unterfinanziert sind. In Sachsen- Anhalt lag der Anteil der Landesmittel Erwachsenenbildung am Bildungsbudget bei 0,27%. (vgl. Landesmittel 2015 ) Wie kann die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung dem sozialen und wirtschaftlichen Wandel gerecht werden, wenn das Bildungskonzept des Landes letztendlich nur ein Schulkonzept ist, das etwas „Nachholbildung“ mitfinanziert?

Die Hinweise zur Öffentlichkeitsarbeit von Herrn Himmelrath sind hilfreich, wenn wir mit der Presse ins Gespräch zu kommen wollen. Für die Anliegen der Dekade, allerdings, die durch Öffentlichkeitsarbeit ein Tabu brechen möchte, geht der Weg noch weiter. Die Art der Öffentlichkeitsarbeit, die sich nur mit „guten Geschichten“ ziert, aber auf einen kritischen Blick in Richtung Erwachsenenbildung verzichtet, kommt einer defizitären Bildungspolitik entgegen, diese Wiederum trägt massiv zur Tabuisierung des Themas bei. Ob das gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass das bestehende gesellschaftliche Tabu „nicht ausreichen lesen und schreiben zu können“ eine soziale Dynamikschafft, in der es schwierig ist, die bestehenden Strukturen und Machtverhältnisse in der Erwachsenbildung zu hinterfragen. Somit dient paradoxerweise unsere personalisierte Teilnehmergewinnung der Stabilisierung des Status Quo und damit der Unterfinanzierung der Kurse, für die wir werben wollen.

Foto: Pixabay

Sprache in ihrer ganzen Vielfalt

Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden zeigt derzeit die Sonderausstellung Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten. Hier wird Sprache in mehreren Dimensionen greifbar – durch Mimik und Gestik, durch Hören und Sprechen, durch Schreiben.

Dokumente, Filme und andere Exponate werden in 4 Ausstellungsräumen präsentiert:

  1. Homo loquens – Wie wir Menschen zur Sprache kommen
  2. Denkbewegungen – Sinn und Sinnlichkeit unserer Sprache
  3. Redehandwerk – Macht und Magie der Sprache
  4. Sprachheimat(en) – Zugehörigkeit und Selbstbestimmung

dhmdDabei bietet die Ausstellung vielfältige praktische und kreative Möglichkeiten, Sprache zu erforschen und auszuprobieren.

Das Besondere: Neben Videos in Gebärdensprache gibt es auch Lese- und Hörtexte in Leichter Sprache, welche die wichtigsten Aspekte in den Ausstellungsräumen präsentieren und erklären. Über die Website des Museums können Informationen zur Ausstellung in Leichter Sprache abgerufen werden.

Das Deutsche Hygiene-Museum zeigt anschaulich, welche Funktion Leichte Sprache hat, und was Leichte Sprache leisten kann. Diese Form der Vermittlung nimmt die Besucher in ihrer ganzen Vielfältigkeit in den Blick – und das barrierefrei und ganz selbstverständlich. Denn als zusätzliches Angebot ist es gleichberechtigt neben den anderen Informationskanälen in das Ausstellungskonzept integriert. Eine gelungene Umsetzung und damit beispielhaft für Projekte und Aktionen anderer Museen und Kultureinrichtungen.

Die Ausstellung wird noch bis zum 20. August 2017 in Dresden gezeigt.

Foto-Quelle: Deutsches Hygiene-Museum

Eine klare Ansage

Irland ist das erste Land weltweit, das seine Energiekonzerne verpflichtet hat, die Kundenkommunikation barrierefrei zu gestalten.

Den Anstoß gab eine Richtlinie der Europäischen Union. Sie sollte den Kundenservice der Energiebranche verbessern – für möglichst alle Nutzer: Für Menschen mit geringer (Schrift-)Sprachkompetenz, für Senioren, für Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen ohne Einschränkungen gleichermaßen.

Unterstützung gab es vom „Centre for Excellence in Universal Design“, einer irischen Behörde, die sich mit einem internationalen Gestaltungskonzept beschäftigt, das verschiedene Lebensbereiche für alle Menschen nutzbar machen soll. Die Energiebranche ist jetzt der erste irische Sektor, für den die Anwendung dieses Gestaltungskonzepts gesetzlich verankert wurde.

Die Energiekonzerne überarbeiten nunmehr ihre Dienstleistungen nach dem Standard der Richtlinie. Das bedeutet: Barrierefreier Schriftverkehr unter Verwendung einer klaren, einfachen Sprache ohne Fachbegriffe, die Einrichtung eines effizienten Anrufverteilers und eine Website, die auf den Nutzer ausgerichtet ist mit praktischen Hilfen beim Orientieren, Informieren und Navigieren.

Hier unterstützt Politik sinnhaft, gezielt und nachhaltig. Daumen hoch für ein gelungenes Beispiel, das Nachahmer sucht – also vielleicht auch bald in Deutschland?

Foto-Quelle: Universal Design Ireland

Einfache Sprache – gar nicht so leicht!

In Sachsen-Anhalt wollen wir uns stärker für den Gebrauch von einfacher Sprache einsetzen. Dazu haben wir auf diesem Blog schon Beiträge veröffentlicht, die in der Kategorie Leichte Sprache zu sehen sind. Es gibt leider viele Menschen, die meinen, mit einfacher Sprache würde wichtige Information verloren gehen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Einfache Sprache konzentriert sich auf die wichtigsten Aussagen, und lässt alle umständlichen Nebeninformationen weg.

Hier ist ein Beispiel dafür, wie einfache Sprache in der politischen Grundbildung für die Bundestagswahl eingesetzt werden kann.

Wer sich einfacher ausdrücken möchte, muss genau wissen was Sache ist. Es ist auch hilfreich klare kurze Beispiele zu bringen. Wenn uns selber keine gute Formulierung einfällt, nutzen wir das Huraki Wörterbuch für leichte Sprache. Dort werden viele Themen einfach und klar erklärt. Das Wörterbuch ist online, kostenlos und immer aktuell.

 

 

 

 

Gesagt, aber nicht getan!

Die Mehrheit der Deutschen liest auf Sprachniveau B1 oder niedriger. Das nennen wir ’normales Deutsch‘. Trotzdem schreiben die meisten Betriebe und Behörden ihre Texte auf dem höheren Sprachniveau C1. Das entspricht dem, was auf der Fachhochschule vorausgesetzt wird.

Das soll sich nun ändern. Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat schon im Juli 2013 beschlossen, „einfache Sprache“ populär zu machen und eigene Publikationen dafür zu nutzen (Drucksache 6/2250).

Drei Jahre später, im Juni 2016, fragten wir nach,  welche Publikationen in einfacher Sprache inzwischen zugänglich sind. Uns wurde daruafhin mitgeteilt, ein solches Angebot halte der Landtag derzeit nicht vor. Perspektivisch soll es dies aber geben. Erste Planungen und Überlegungen dazu gäbe es bereits.

Wann mit einer konkreten zeitlichen Umsetzung zu rechnen sein wird, konnte man uns aufgrund des derzeitigen Planungsstandes nicht mitteilen.

Gesagt, aber nicht getan! Wenn wir wirklich wollen, dass alle verstehen, was Politiker und Behörden sagen, müssen wir Texte in einfacher Sprache einfordern. Von alleine passiert sonst nicht viel.

Photo credit:Peter Zuco via DesignHunt / CC BY-SA chinesisch