Archiv für den Monat Oktober 2016

Vom Wert der Dummheit

Hier ist eine schöne Schildbürgergeschichte, die uns erklärt, warum Grundbildung bei Erwachsenen oft so unbeliebt ist:

Ein Schildbürger fuhr mit seinem Sohn in die Kreisstadt zum Schulmeister und sagte: „Man lobt deinen Unterricht. Deshalb möchte ich meinen Jungen ein wenig bei dir lassen.“„Was weiß er denn schon?“, fragte der Lehrer und hörte dabei nicht auf, einen Schüler zu verprügeln. „Er weiß nichts“, antwortete der Schildbürger. „Und wie alt ist er?“, fragte der Lehrer weiter. „Erst dreißig Jahre“, meinte der Schildbürger entschuldigend, „was kann er da schon gelernt haben! Ich selber bin fünfundsechzig Jahre alt und weiß nicht das Geringste!“

photo-credit-jimforest-via-foter-com-cc-by-nc-nd „Also einverstanden“, erklärte der Schulmeister. „Lass ihn hier! Doch wenn er nicht pariert und lernt, kriegt er von mir genau so viel Prügel, als ob er zwölf wäre!“ Das war dem Schildbürger recht. Er versprach auch, die Erziehung gut zu bezahlen. Dann gab er seinem Jungen zum Abschied eine Ohrfeige und wollte gehen.

„Einen Moment!“ rief der Lehrer. „Wie lange soll er denn in meiner Schule bleiben? Wann holst du ihn wieder ab?“ „Bald“, sagte der Schildbürger. „Denn viel braucht er nicht zu lernen. Es genügt, wenn er so viel weiß wie du!“ Das ärgerte den Lehrer ein wenig, und er wollte ganz genau wissen, wann der Junge abgeholt wird. „Ganz genau kann ich’s dir nicht sagen“, meinte der Schildbürger. „Es hängt davon ab, wie lange euer Schmied braucht, meinem Pferd ein Hufeisen festzuschlagen. Es hat auf der Herfahrt sehr geklappert. Sobald das Eisen fest ist, hol ich ihn wieder ab.“ „Du bist wohl nicht bei Verstand?“ rief der Schulmeister. „Und wenn ich deinen Bengel prügele, bis mir der Arm weh tut, auch dann müsste ich ihn mindestens ein Jahr hier behalten, damit er etwas lernt!“

Da nahm der Schildbürger seinen dreißigjährigen Sohn wieder bei der Hand und ging fort. In der Tür sagte er nur noch: „Dass Lernen weh tut und Geld kostet, ist ja noch in Ordnung. Doch ein Jahr Zeit ist mir dafür zu schade. Dann soll er lieber so dumm bleiben wie sein Vater.

Noch mehr Schildbürger-Bildungs-Geschichten gibt es hier.

Photo credit: jimforest-via-foter-com-cc-by-nc-nd

 

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Grundkompetenzen für die Zukunft

  • Lesen, Schreiben, Rechnen
  • Multi-mediales Lernen
  • Strategien, um Information auszuwerten und zu aktualisieren
  • Probleme der Lebenswelten erkennen und lösen
  • Im Team arbeiten
  • Selbstorganisation und Selbstwirksamkeit
  • Vernetztes lebenslanges Lernen

Quelle: OECD, Bildung 2030, EU Skills Guarantee, Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung

Photo: Foter.com

Ich möchte neugierig sterben!

Dieser Gedanke stammt aus dem letzten Interview mit Paolo Freire, das er 1996 kurz vor seinem Tod gegeben hat. Im Gespräch erklärt er, warum Neugierde eine Tugend sei. Wer neugierig ist, ist auch tolerant. Wer neugierig ist, kann sich auf Neues einlassen, ohne sich selbst zu verlieren.  Somit ist die Tugend der Toleranz bei der Grundbildung von Erwachsenen immer mit im Programm. Wenn Erwachsene lernen, kommt es auf diese Haltung an.

Paolo Freire ist nach wie vor aktuell. Erst wenn Grundbildung dem Menschen ein neugieriges und kritisches Bewusstsein für die Gesellschaft ermöglicht, sind die Grundlagen für eine demokratische Zukunft geschaffen.

 

Bildung 2030

Eine Dekade der Alphabetisierung in Deutschland – und was dann?

Diese Frage beantwortet das Bildungsprogramm der UNESCO, das die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung weiterführt.  Mit der Incheon Deklaration und dem Bildungsministertreffen im November 2015 stellte die UNESO den globalen Aktionsrahmen „Bildung 2030“ vor. Das Ziel des Aktionsrahmens ist hoch gesteckt. Bis 2030 soll es inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung für Menschen aller Altersstufen geben. Lebenslanges Lernen für alle – da ist auch die Grundbildung für Erwachsene gefragt. Inhalte des Aktionsrahmens finden sie hier.

Die ersten Reaktionen in Deutschland auf Bildung 2030 richteten den Blick auf die Bildungsbedarfe in der dritten Welt. Durch Pressemitteilungen, wie z.B. die der BMZ entstand der Eindruck, dass die Bildungsarbeit in erster Linie Entwicklungsländer betrifft.  Das ist ein falscher Eindruck, denn in Sachen Grundbildung für Erwachsene ist Deutschland selbst noch Entwicklungsland.

E-learning todayLeider gibt es in Deutschland die hochwertige und flexible Grundbildung von Erwachsenen, wie sie in Bildung 2030 vorgesehen ist, noch nicht. So ist auch Deutschland nun gefordert, die Bildungsagenda 2030 umzusetzen. Dazu hat sich im Juni 2016 die Deutsche UNESCO Kommission getroffen. Wichtige Erkenntnisse  der  Potsdammer Tagung waren:

  • Lebenslanges Lernen ist die Grundlage einer funktionierenden Demokratie.
  • Chancengerechtigkeit in der Bildung ist nach wie vor ein zentrales Problem in Deutschland.
  • Die Veränderung von Bildung durch die fortschreitende Digitalisierung ist eine zentrale Herausforderung in der Bildungspolitik.

Was bedeutet Bildung 2030 für die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung?

board-1273128_1920-pixabayEs wäre fatal, wenn Deutschland in der Grundbildung für Erwachsene den Alphabetisierungszielen von 2013 „nachhecheln“ würde. Uns scheint es sinnvoller, Grundbildung gleich auf die Ziele von 2030 auszurichten. Dazu gehört dann auch, Grundbildung nicht länger als „Nachholbildung“ zu verstehen. Wir müssen stattdessen die bundesweit entstehenden Grundbildungszentren als Lernorte konzipieren, die Menschen lebenslang befähigen „am Ball zu bleiben“. Grundbildung muss flexibel und offen gedacht werden, damit sie alle Erwachsenen im steten Wandel der Gesellschaft unterstützen kann.

Aktuell, vielfältig und demokratisch – so gut kann Grundbildung sein!

Photo credit: pixabay