Archiv für den Monat Juni 2017

Nachholbildung = Rebellenbildung?

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(K)Ein Tropfen auf den heißen Stein

Dies ist ein Vortragsgespräch über Grundbildung. Laurentia Moisa (LM) und Dr. Gisela Winkler (GW) hatten es ursprünglich am 17.5.2017 in Bad Kösen geführt. Anlass für das Gespräch war der Fachtag von Blickpunkt alpha. Das Projekt setzt sich seit 2014 im südlichen Sachsen-Anhalt für Menschen mit Grundbildungsbedarf ein.

 

LM: Was für eine Tür bringst du denn hier mit?

GW: Eine Tür, die ganz viel über unsere Arbeit erzählt… Es ist nämlich eine Grundbildungs-Tür. Sie ist schon ziemlich alt, weil das Thema Grundbildung für Erwachsene schon ein ganz altes ist. Als wir mit unserer Arbeit angefangen haben, steckte übrigens schon dieser Schlüssel drin: Der „Schlüssel zur Welt“. So hieß die Bundeskampagne „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“. Und mit dieser Kampagne und der dazugehörigen Ausstellung haben wir 2014 begonnen, das Thema Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene im südlichen Sachsen-Anhalt sichtbar zu machen.

LM: Ich erinnere mich, dass wir am Anfang versucht haben, das Thema überall klar und einprägsam zu platzieren. Dafür mussten wir der Tür sozusagen Stützbeine verpassen, denn alleine steht sie ja nicht. Eigentlich ist die Tür mit den Stützbeinen ein gutes Bild für unser Projekt. Wir machen viel Öffentlichkeitsarbeit und behängen die Tür mit wichtigen Grundbildungs-Botschaften. Aber eigentlich erfüllt die Tür so nicht ihre eigentliche Aufgabe, oder?

GW: Genau. Eine Tür alleine bringt’s nicht. Sie braucht einen Rahmen und eine Aufhängung. Wir brauchen also Unterstützer und Partner, damit Grundbildung langfristig eine Verankerung findet.

LM: …und Partner haben wir gefunden.

GW: Das haben wir. Erinnerst du dich an das Gespräch in der Stadtbibliothek Naumburg? Irgendwie war es komisch, ausgerechnet in einer Bibliothek über Menschen nachzudenken, die nicht so gut lesen können. Und doch haben wir alle sofort gemerkt, dass das Thema dort genau richtig ist. Die Bibliothek wurde schnell zu einer wichtigen Botschafterin für Alphabetisierung und Grundbildung. Es gibt einen Bücherbestand von Büchern in einfacher Sprache, der regelmäßig erweitert wird. So öffnet sich der Zugang zu Sprache und Literatur für viele Erwachsene.

LM: Auch das Naumburger Dom-Projekt in Leichter Sprache ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kulturangebote durch einen bewussten Sprachgebrauch zugänglich gemacht werden können. Durch solche Entwicklungen findet eine Veränderung in den Köpfen der Menschen statt. Die Frage ist doch letztlich immer: Wie kann eine Einrichtung oder eine Behörde die eigenen Angebote oder Dienstleistungen so gestalten, dass sie möglichst viele Menschen erreichen und nutzbar werden?

GW: Und das ist das Ziel von Grundbildung: Nämlich das Erwachsene Zugang zu Information haben und selbstwirksam im Leben unterwegs sind – egal ob in Kultur, Gesundheit, Familie oder Arbeit. Und gerade im Bereich Arbeit und Beruf ist Grundbildung ja ein wichtiges und brisantes Thema.

LM: Hier denke ich an unsere Zusammenarbeit mit den Jobcentern in Halle, Mansfeld-Südharz und im Burgenlandkreis. Dort haben wir viele Schulungen zum Thema Grundbildung gemacht und haben heute schon die dritte Kollegin aus dem Bereich der Arbeitsvermittlung als Botschafterin auszeichnen können. Ihnen gelingt es immer wieder, neue Wege zu finden, den Blick für Grundbildung in der Agentur für Arbeit und im Jobcenter – aber auch darüber hinaus – zu schärfen. Sie haben zum Beispiel jetzt für 3 Tage im Juni das Alpha-Mobil zu sich in die Region geholt. – Auch wenn in Sachsen-Anhalt derzeit noch nicht dauerhaft in Grundbildung investiert wird, bleiben diese Kolleginnen am Ball. Mit diesem unermüdlichen Einsatz bekommt unsere Grundbildungs-Tür eine zuverlässige Aufhängung vor Ort.

GW: Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass das Projekt AlphaKommunalTransfer jetzt in unserer Region aktiv geworden ist. So können kommunale Strukturen stärker vernetzt werden. Wir freuen uns, dass die 3 AlphaKommunal-Partner auch heute hier sind.  Mit ihnen gemeinsam können wir anfangen, die Strukturen zu entwickeln, in die unsere Tür langfristig gehört.

LM: Vielleich kannst du das noch ein bisschen genauer erklären…

GW: Na ja, so eine Tür, die nur von einzelnen Partnern aufrecht gehalten wird, sichert ja noch keinen langfristigen Zugang zu Grundbildung. Allzu oft ist doch die Grundbildungs-Arbeit noch vom guten Willen und dem Einsatz Einzelner abhängig. Wir haben doch gerade erlebt, dass ein Volkshochschul-Kurs ab Mai nicht weiter finanziert wird, obwohl die Lerner weiterarbeiten wollen. Allen scheinen die Hände gebunden, auch uns. Das darf es eigentlich nicht geben. Und doch haben wir dafür noch keine Lösung. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Grundbildung als Thema in der Gesellschaft ernst genommen und langfristig kommunal verantwortet werden muss.

LM: Das erinnert mich an die Frage, die wir uns als Kernfrage für diesen Fachtag gestellt haben: Warum Grundbildung kommunal verankern? Können wir das nicht mit dem Bild der Tür sehr gut beantworten?

GW: Ich denke schon. Es gibt ja die Tendenz in der Grundbildungs-Arbeit, das Thema als Sonderproblem zu behandeln. Quasi als lose Tür. Und so wurde es bislang (leider) auch in Sachsen-Anhalt gefördert: fragmentiert, kurzsichtig und reaktiv. Und dabei sind nachweislich 40% der Erwachsenen mit Schrift und längeren Texten überfordert. Besonders in dieser zunehmend komplexen Welt, in der wir leben. Auch wenn wir 10 Grundbildungs-Türen hier hinstellen, fehlt uns immer noch das Haus, in das sie gehören. Grundbildung braucht in der Kommune langfristig ein zu Hause. Und dieser Gedanke ist nicht auf unserem Mist gewachsen! Im Arbeitsprogramm der Nationalen Dekade steht alles schon drin.

LM: Hast du es denn zur Hand?

GW: Nicht nur ich! In den Beuteln mit dem Aufdruck „Ich trage Verantwortung für Grundbildung“ finden auch unsere Gäste die Kurzfassung des Arbeitsprogramms. Was wir alle hier machen, braucht kein „Tropfen auf den heißen Stein“ zu sein. In diesem Arbeitsprogramm werden die Wege klar aufgezeigt, wie Grundbildung in den Ländern und Kommunen langfristig angelegt werden kann. Dazu gehört u.a.:

  1. eine intensive Öffentlichkeitsarbeit
  2. eine Verankerung von Grundbildung als Querschnittsaufgabe in den Verwaltungsstrukturen von Bund, Ländern und Kommunen
  3. die Professionalisierung der Grundbildungs-Arbeit und die Entwicklung eines zukunftsfähigen Grundbildungs-Konzepts

LM: Und was ist mit den Lernenden selbst? Brauchen Erwachsene nicht vielfältige und flächendeckende Alphabetisierungs- und Grundbildungs-Angebote? Aus unserer Erfahrung können wir auf jeden Fall noch einen vierten Punkt hinzufügen:

4. Lernangebote müssen optimiert und erweitert werden.

Vor allen Dingen brauchen wir einen guten Austausch mit Lernenden, damit Grundbildungs-Angebote passgenau sind und diese die Menschen auch erreichen. Deshalb ist es uns ein Anliegen, Fachtagungen nicht ohne Lerner-Experten durchzuführen. Auch heute wollen wir gemeinsam in einem Lerner- Workshop über Angebote mit Augenhöhe nachdenken.

GW:  Ich denke, wenn wir alle, die wir heute hier sind, im Sinne Luthers diese 4 Anliegen als  Thesen immer wieder öffentlich  „anschlagen“,  können wir eine Veränderung einfordern. Wir sind schon ein starkes Netzwerk in unserer Region. Wenn wir nun gemeinsam klare Ziele formulieren und sie umsetzen, dann ist das, was jeder Einzelne tut, gewiss kein Tropfen auf den heißen Stein!

Laurentia Moisa und Gisela Winkler, 17.5.2017, Bad Kösen

Photos: Blickpunkt alpha