Archiv der Kategorie: Studien zum Thema

Wir informieren über Studien zum Thema und halten uns auf dem neusten Wissensstand.

Null Bock auf die Zukunft?

Sachsen-Anhalt ist Schlusslicht in der deutschlandweiten Schulabbrecher-Statistik. 9,2 Prozent der Heranwachsenden verlassen das Bildungssystem hierzulande ohne Abschluss. Zwar sank die Abbrecherquote in Sachsen-Anhalt seit 2008 von damals 13,6 Prozent,  doch eine weitere Verbesserung ist nicht in Sicht. Dies berichtete das Naumburger Tageblatt.

Als Projekt, das sich für die Grundbildung Erwachsener stark macht, fragen wir uns natürlich, was aus diesen jungen Menschen wird. Ein Jugendlicher, der aus der Schulstatistik fällt, bleibt der Gesellschaft dennoch erhalten – und das nicht nur für kurze Zeit. Wer mit 14 oder 15 aufhört zu lernen, lebt – statistisch gesehen – noch weitere 63 Jahre mit Grundbildungsbedarf. Eine Bildungsbiografie ist eben mehr als eine kurze Schulgeschichte. Sie ist gelebtes Leben, in dem es immer um Grundkompetenzen für Teilhabe geht.

Im südlichen Sachsen-Anhalt leben viele Menschen, die schon als Jugendliche den Übergang von Schule in den Beruf nicht geschafft haben. Viele von Ihnen wollen nicht mehr in die Schule zurück. Wenn sie beim Lesen und Schreiben Schwierigkeiten haben, sehen sie für sich auch keine Möglichkeit in einer Ausbildung zu bestehen. Dabei hat die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung gute Bedingungen geschaffen, damit jeder lernen kann. Dazu gehört die assistierte Ausbildung, die im Juni 2016 von der EU beschlossene skills guarantee und die Ausweitung der Weiterbildungsmöglichkeiten auf Grundkompetenzen im SGB3, §81.

Wenn wir die 9,2% der Schulabbrecher von 2014 und die 14,5% funktionaler Analphabeten der leo.-Level-One Studie von 2011 zusammenzählen, existiert jede/r vierte Erwachsene in Sachsen-Anhalt „zwischen den Zeilen“ des öffentlichen Bildungsberichts. Und das, obwohl sie alle Teil der Geschichte sind und bleiben. Da plädieren wir für eine langfristige Grundbildungsstrategie für Erwachsene, die sich nicht nur an rückwärts blickenden Defiziten orientiert. Wir brauchen eine Strategie vor Ort, die diese Menschen sieht, und ihre Potentiale erschließen kann.

Photo credit: pixabay

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Weltalphabetisierungstag 2016

Am 8. September 2016 gibt es einen runden Geburtstag! Der Weltalphabetisierungstag wird 50 Jahre alt! Dieser Tag steht bei der UNESCO unter folgendem Motto :

In der Vergangenheit lesen – die Zukunft zu schreiben.

WAT 161966 wurde der Weltalphabetisierungstag zum ersten Mal in Teheran begangen. Damals rief die UNESCO alle Staaten auf, Alphabetisierung für Kinder und Erwachsene zu einem Entwicklungsziel ihres Landes zu machen. Seitdem erinnert der Tag jedes Jahr daran, dass es in vielen Ländern immer noch ein Privileg ist, lesen und schreiben zu können.

Lesen und schreiben befähigt Menschen, ihr Leben bewusster und aktiver zu gestalten. Das stärkt die Wirtschaftskraft und die Demokratie. Auch heute gilt Alphabetisierung als Entwicklungsindikator für eine Gesellschaft.

Durch die rasanten Veränderungen in Technik und Kommunikation ist die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, Dreh-und Angelpunkt der weltweiten Bildungsschere geworden. Die Ziele der Weltalphabetisierung wurden daher durch das Dakar-Abkommen  Education for all (EFA 2000 – 2015) und in der Unesco Dekade für Alphabetisierung (2003 – 2013)  nochmals in den Fokus gerückt. Von den sechs EFA-Zielen galt Ziel 4 der Erwachsenenbildung:

Ziel 4: Die Analphabeten-Rate unter Erwachsenen, besonders unter Frauen, soll bis 2015 um 50 Prozent reduziert werden. Der Zugang von Erwachsenen zu Grund- und Weiterbildung soll gesichert werden.

unesco 2030Der Welt-Bildungsbericht 2015 zieht Bilanz über die Dekade und erklärt sie lediglich zu einem Teilerfolg. Noch 58% der Staaten sind weit vom EFA-Ziel 4 entfernt. Dennoch gab es Erfolge zu berichten, vor allem aus der asiatischen und arabischen Welt. Beim genaueren Hinsehen allerdings wird deutlich, dass die besseren Zahlen bei der Alphabetisierung Erwachsener hauptsächlich der Tatsache geschuldet sind, dass gebildete junge Menschen das Erwachsenenalter erreichen.

Für Deutschland war diese Dekade wichtig, da es nun bessere bundesweite Datenerhebungen gibt. Durch die leo.-Level One Studie z.B. können wir Lese-und Schreibkompetenzen als Kontinuum verstehen, und wissen, dass fast 40 % der Erwachsenen in unserer Gesellschaft im Schriftlichen Schwierigkeiten haben.  Durch die Studie bekommen wir auch ein besseres Verständnis für die Auswirkungen von fehlerhafter Alphabetisierung für die Teilhabe und die Demokratie.

Das Fazit für die Weltalphabetisierungsarbeit lautet: UMDENKEN und MEHR ANSTRENGUNG sind nötig. Dieses Fazit bildete den Grundstein für die Incheon Declaration, die bis 2030 gilt.

 

 

Wer bleibt? Wer geht?

  • Wie sieht die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt aus?
  • Welche Berufe werden in nächsten Jahren verschwinden? Welche bleiben bestehen?
  •  Welche Berufe sind von der Übernahme durch selbstlernende Computer und Maschinen bedroht?

Mit diesen Fragen hat sich eine Studie der Universität Oxford beschäftigt.

Das Ergebnis der Studie zeigt, dass von den 702 ausgewerteten Berufen, ungefähr die Hälfte mit großer  Wahrscheinlichkeit durch Computer ersetzt werden könnten.  Dabei geht es nicht nur um Hilfsjobs oder Berufe in der Industrie. Auch die Arbeit von Lehrern, Altenpflegern und Ärzten wurde unter die Lupe genommen und analysiert. In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Autoren, dass 47% der Arbeitnehmer auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt in den USA von dieser Entwicklung bedroht sind.

Im Februar 2016 thematisierte der australische IT Lernexperte Anthony Goldbloom diese Studie. Er begann seine Präsentation mit der Frage, welchen Rat er seiner kleinen Nichte geben sollte, damit sie eines Tages Arbeit finden wird. Seine Antwort ist erstaunlich.

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Was bedeutet diese Entwicklung für die Bildungsschwerpunkte in unseren Schulen? Was bedeutet sie für Grundbildung in der Arbeitswelt?

Normalität statt Ausnahme

Eine etwas differenziertere Analyse der leo.-Level-One Studie zeigt, dass jeder zehnte Erwerbstätige keine zusammenhängenden Texte lesen kann.  Viele von ihnen üben Hilfstätigkeiten aus. Dadurch entsteht der Eindruck, dass alle Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, kaum berufliche Chancen haben.

Chancenlosigkeit muss aber nicht sein. Wir lesen immer wieder von Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, die aber dennoch im Beruf bestehen. Auch viele „Praktiker“, die unsere Haupt und Realschulen verlassen, könnten in der Berufsausbildung gezielter Unterstützung für ihre Lese- und Schreibschwäche bekommen. Denn seit dem 1. Mai 2015 ist die Möglichkeit der Assistierten Berufsausbildung im SGBIII wirksam.

Die assistierte Ausbildung ist ein Modell einer kooperativen Ausbildung. Ein Bildungsträger bietet als dritter Partner in der Ausbildung allen Seiten passende Dienstleistungen. Berufsvorbereitung und Ausbildung werden verknüpft, die Ausbildung wird flexibilisiert und individualisiert.  Im Ruhrgebiet, zum Beispiel, macht Sascha Krogul nun trotz Lernschwäche eine normale Ausbildung in einem Tief- und Straßenbaubetrieb.

Wie weit man es mit offener und gezielter Unterstützung bringen kann, zeigt die Erfahrung von Professor Tiemo Grimm von der Universität Würzburg. In einem Artikel der FAZ berichtet er über seinen Weg vom Hauptschüler zum Humangenetiker und Spezialist für erbliche Muskelkrankheiten und Biostatistik. Die größten Hürden auf seinem Weg waren die zu schnellen Urteile in der Gesellschaft und im Bildungsbereich. Auch international bekannte Geschäftsleute haben es trotz Lernschwierigkeiten im Beruf gepackt. Tommy Hilfinger und Richard Branson gehören dazu.

Viele berühmte Menschen bekennen sich heutzutage offener zu ihren Problemen mit der Schrift. Da wären Schauspieler wie Tom Cruise, Patrick Dempsey, Whoopi Goldberg oder Jennifer Aniston. Aber auch Musiker (Robbie Williams), Schriftsteller (John Irving) und Politiker (Bodo Ramelow) haben es mit Schrift nicht leicht. Eine Liste von noch mehr Prominenten mit Lese-und Schreibproblemen  gibt es hier.

Photo credit: familymwr via Foter.com / CC BY

 

Gefühlt – beschämt – tabu

Laut der Hamburger Umfeldstudie kennen fast 40% der Befragten jemanden, dem Lesen und Schreiben schwerfällt. Dennoch sprechen viele das Thema nur ungern an. Auch in unserer Arbeit mit Einrichtungen und Behörden ist uns immer wieder aufgefallen, dass Mitarbeiter zwar merken, dass ein Kunde nicht gut lesen und schreiben kann, aber nicht offen auf diese Situation reagieren. So entsteht eine tabuisierende Mitwisserschaft. Während die Mitarbeitenden es vermeiden, mit Kunden über ihre Schwäche zu sprechen, versuchen die Kunden diese Schwäche zu verbergen. Beide Seiten empfinden Scham. Um sich nicht bloßzustellen, schaffen sie ein Tabu.

Diese doppelseitige Dynamik hat zur Folge, dass wir bei unseren Sensibilisierungsveranstaltungen nicht nur über die Scheu der Betroffenen sprechen müssen. Die Schamgefühle der Mitarbeitenden sind ein großer Teil des Problems. Sie blockieren genauso stark die Kommunikation und tragen damit zur Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft bei.

Stephan Marks ist ein Sozialwissenschaftler, der die Ursachen von Schamgefühlen im öffentlichen Raum untersucht hat. In dem folgenden kurzen Film erklärt er, wie diese Schamgefühle entstehen.

Wer, wie BLICKPUNKT alpha, den Auftrag hat, das Thema Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene zu „ent-tabuisieren“, sollte also mehr leisten, als das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.  Zur Bewusstseinsbildung gehört auch, die Werte der Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen, und öffentlich über die Differenz zwischen Erwartung und Wirklichkeit nachzudenken.

 

Wer ist betroffen?

In der Welt der Alphabetisierung und Grundbildung sprechen wir oft von den “Betroffenen”. Dieses Wort meint Menschen, die beim Lesen und Schreiben Probleme haben und deshalb Formulare und Texte nicht gut verstehen können. Laut leo.-Level-One Studie kommt jeder 7. deutschsprachige Erwachsene nur mit Mühe über die Satzebene hinaus. Weitere 25,9% der Bevölkerung (jeder vierte Erwachsene) sind im schriftlichen unsicher und haben Probleme längere Texte zu verstehen.  Das sind zusammen fast 40%!

Photo credit: Todd Berman via Interior Design / CC BY-NC-SA

Wir können nicht 40% der Gesellschaft durch Schrift ausgrenzen!

Die Ergebnisse der Studie führen zu betroffenen Reaktionen. Gerade die Menschen, die Lesen und Schreiben für selbstverständlich halten, sind konsterniert. Für sie ändert sich der Blick auf die Gesellschaft. Sie merken, dass Schriftsprache eine Barriere sein kann. Für viele Menschen ist der Alltag mit Schrift vielleicht nicht so einfach, wie es scheint.

Das Thema betrifft uns alle. Entweder sind wir betroffen, weil wir mit Texten Probleme haben – oder weil wir durch komplizierte Sätze es anderen schwer machen.

40% sind keine Randgruppe

Die leo.-Level-One Studie zeigt, dass insgesamt 40% aller Erwachsenen sehr schnell durch Schrift ausgegrenzt sind. Das ist fast die Hälfte der aktiven erwachsenen Bevölkerung in Deutschland! Sehr viele dieser Menschen haben kein Problem im Leben zurechtzukommen, wenn sie sich mündlich orientieren können. Auch Bilder und You Tube Videos helfen ihnen, die Information zu bekommen, die sie brauchen. Dennoch trauen sich viele Erwachsene, die im Schriftlichen unsicher sind, nicht um Hilfe zu bitten, wenn sie mit einer Schriftsituation überfordert sind.

Schriftsprache kann eine Barriere sein

Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat im Juli 2013 beschlossen, etwas dagegen zu tun. In seiner 49. Sitzung (Drucksache 6/2250) hat er sich für die Förderung von Alphabetisierung und Grundbildung ausgesprochen. Dazu gehört auch der Beschluss, „einfache Sprache“ populär zu machen und eigene Publikationen dafür zu nutzen. Mit diesem Beschluss sollen auch die Medien unterstützt werden. Die Nationale Dekade zur Alphabetisierung und Grundbildung möchte alle Menschen in ihrer Teilhabe stärken.

Photo credit: Todd Berman via Interior Design / CC BY-NC-SA

Wer weiß Bescheid?

Wer nicht gut lesen oder schreiben kann möchte von anderen nicht erkannt werden. Fehlende Grundbildung unter Erwachsenen ist tabu.“

So die allgemeine Meinung. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Laut einer neuen Hamburger Studie kennen viele Menschen jemanden, dem lesen und schreiben schwerfällt. Fast 40% der Befragten gaben an, dass sie jemanden kennen, der nicht ausreichend lesen und schreiben kann.

Die Studie zum mitwissenden Umfeld funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten wurde 2015 von der Universität Hamburg veröffentlicht. Hier standen nicht die betroffenen Erwachsenen im Fokus, sondern deren Umfeld: Menschen aus Familie, Kollegium, Nachbarschaft und Freundeskreis.

Die Umfeldstudie zeigt deutlich, dass Menschen, die nicht gut lesen oder schreiben können, bei ihren Freunden oder Bekannten Unterstützung finden. Auch im beruflichen Umfeld ist das Thema kein Tabu. Oft gehen Betroffene und Mitwissende offen und pragmatisch mit der Sache um. Kolleginnen und Kollegen helfen einander, um die Arbeit zu schaffen.

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass die Mitarbeiter der Jobcenter viele Menschen kennen, die im Schriftlichen ihre Probleme haben. Hier allerdings wird das Thema nicht immer offen angesprochen. Mitarbeiter befürchten, dass das Gespräch unangenehm wird, oder sie wissen nicht genau, wie sie helfen können. Eine große Hürde in der Ansprache ist die Tatsache, dass Grundbildung für Erwachsene nur bedingt gefördert werden darf.

Wie können wir als mitwissendes Umfeld unseren Handlungsspielraum vergrößern? Und welche Handlung macht am meisten Sinn?

Das Wissen um das Thema ist nur der erste Schritt. Ohne die örtliche und öffentliche Vernetzung von Akteuren, wie z.B. mit den Jobcentern und Volkshochschulen,  werden Menschen nur schwer die Ansprache und Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Aus diesem Grund möchten wir Gespräche zum Thema Grundbildung voranbringen.

Photo credit: savoirfairelinux via Foter.com / CC BY