Archiv für den Monat April 2021

Was ist der Mensch?

We must not allow other people’s limited perceptions to define us. (Virginia Satir)

Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die begrenzte Wahrnehmung anderer Menschen definiert.

Paolo Freire hat schon früh in seinem eigenen Leben erlebt, wie die begrenzte Wahrnehmung anderer Menschen ihn „enthumanisiert“ hat. Nachdem sein Vater starb und die Familie verarmte, musste die Mutter mit ihren vier Söhnen umziehen. Paolo Freire wurde wurde aus dem gutbürgerlichen Bildungsmilieu ausgeschlossen und er musste auf eine „arme“ Schule gehen. Dort wurde er wegen seiner bürgerlichen Herkunft von seinen neuen Schulkameraden abgelehnt. Er war nirgends willkommen. Er hatte ständig Hunger, vermisste seine alten Freunde und entwickelte Lernschwierigkeiten. Er wollte die Schule abbrechen und wäre auf der Straße gelandet, wenn sich nicht Mutter und Brüder, laut Freire, für seine Menschwerdung eingesetzt hätten. Sein ältester Bruder brach sein Studium ab, um Geld zu verdienen, und seine Mutter überzeugte den Direktor einer katholischen Privatschule, ihrem Sohn ein Stipendium zu geben.

Wenn Paolo Freire später über diese frühen Erfahrungen sprach, machte er deutlich, (1) wie die Widersprüche seiner „Grenzüberschreitung“ (von reich zu arm) ihm das kritische Denken ermöglicht haben, und (2) was für eine psychische Gewalt mit einer defizitären Sprache ausgeübt werden kann. (vgl. PN Rule: Dialogue and Boundary Learning).

Die Frage nach einem humanen Ansatz in der Grundbildung ist also immer auch eine Frage nach unserem Menschenbild. Was bedeutet es Mensch zu sein?

Menschen sind Autorinnen und Autoren ihres eigenen Lebens, (Julian Nida-Rümelin)

Menschen sind unvollendete Wesen, die sich ihrer Unfertigkeit bewusst sind. In den konkreten Zusammenhängen ihres Lebens halten sich die Möglichkeiten zur Humanisierung und Enthumanisierung die Wage. (Paolo Freire)

Eine Dekade der Alphabetisierung und Grundbildung, die geringe Literalität über den funktionalen Analphabetismus operationalisiert (Presseheft leo 2018) und sich auf die Defizite der „funktionalen Analphabeten“ konzentriert, scheint nicht sehr human zu sein.

Paolo Freire dagegen hat sich in seiner Arbeit mit Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben konnten, nicht auf ihre Defizite konzentriert. Er hat sie nach ihren konkreten Problemen und Wünschen gefragt. Er hat sie zur persönlichen Entfaltung ermutigt und sie dafür sensibilisiert, dass Schrift ein Machtinstrument ist. Dieses Machtinstrument hat er dann – durch seine dialogische Didaktik – in der  Alphabetisierung zum befreienden Instrument der Menschwerdung gemacht.

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Humane Bildung als Praxis der Freiheit

Foto: Winkler

Paolo Freiere spricht von einer Pädagogik,  in der unsere Worte zur Praxis der Freiheit werden können. Indem wir frei sprechen und handeln, werden wir frei. Humanisierung ist Emanzipation und Emanzipation macht uns menschlich.

Hier entsteht eine spannende Resonanz zwischen Paolo Freire’s Pädagogik und den ersten Anfängen der systemischen Familientherapie nach Virginia Satir (1916 –1988). Virginia Satir wird oft  auch als Mutter der Familientherapie bezeichnet. Für sie gelten fünf Freiheiten, die unser „Menschschein“ ausmachen:

  1. Die Freiheit zu sehen und zu hören was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
  2. Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.
  3. Die Freiheit zu meinen Gefühlen zu stehen, und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
  4. Die Freiheit um das zu bitten, was ich brauche, anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
  5. Die Freiheit in eigener Verantwortung Risiken einzugehen, anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.

Wie aktuell die Frage nach einem humanisierenden Bildungsansatz inzwischen wieder diskutiert wird, zeigt die online Bildungsforschungstagung 2021 des BMBF, an der in diesem Jahr 1200 Personen teilnahmen. Hier wurde Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin (LMU München) mit folgendem Thema auf die zentrale Bühne gestellt: Eine Philosophie humaner Bildung. Seine Kernthese:

Die Aufgabe von Bildung ist es, Menschen zu Autorinnen und Autoren ihres eigenen Lebens zu machen. Bildung muss ganzheitlich gedacht und Bildungsreinrichtungen als wichtige Bestandteile der Sozialisation gesehen werden, damit insbesondere Benachteiligte nicht zurückbleiben – das zeigt die Pandemie sehr deutlich.

„Die Pädagogik der Unterdrückten, von echter, humanistischer (nicht humanitärer) Großzügigkeit beseelt, bietet sich als eine Pädagogik des Menschen dar.“ (Paolo Freire, Pädagogik der Unterdrückten, S. 41)

  • Wie verändert sich unser Blick auf Grundbildung Erwachsener, wenn es in unserer pädagogischen Arbeit um Satir’s fünf Freiheiten geht?
  • Inwiefern ist unsere derzeitige Bildungspraxis eine Praxis der „Unfreiheit“?
  • Wie wahrhaftig stufen wir das Interesse der aktuellen Bildungsakteure an humanisierender Bildung ein?