Archiv der Kategorie: Nationale Dekade zur Alphabetisierung

Wir informieren über neue Entwicklungen und diskutieren hilfreiche Strategien zur Umsetzung der Ziele.

homo faber – verraten und verkauft?

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft wird in den Medien fast täglich thematisiert. Nun meldet sich der Städte- und Gemeindebund und empfiehlt Kommunen mit ihren Daten zu handeln. Daten seien der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, und Kommunen sollten auf dieses wirtschaftliche Potenzial nicht verzichten.

Gesellschaft 4.0 lässt sich nicht abwehren und nicht aufhalten. Nun fragen wir uns, was es bedeutet, wenn die Verwaltung von Bürgerdaten papierlos wird und die Kommune diese Daten als Rohstoff sieht. Können wir schon absehen, was diese Veränderung uns abverlangt? Was bedeutet sie für die Grundbildungsbedarfe Erwachsener im Burgenlandkreis? Welche Kompetenzen brauchen wir als Bürger, um in einer digitalisierten Kommune selbstbestimmt leben zu können? Was müssen wir können, um den Datenfluss mitzugestalten, so dass wir Potenziale nutzen, aber auch unsere demokratischen Grundwerte erhalten bleiben? Welche sozialen Kompetenzen brauchen wir, um nicht nur Konsumenten unseres eigenen Lebens zu sein?

Wir haben die Grundkompetenzen der Zukunft, so wie sie im vohergehenden Beitrag formuliert sind, auf die konzeptionelle Matrix der Gesellschaft 4.0 gelegt und uns überlegt, welche Grundkompetenzen, welchen Pfeilern der neuen Ordnung zugeordnet werden können. Wir haben dabei auch auf frühere Blogbeiträge zum Thema Grundbildung 4.0 zurückgegriffen und in unseren Ansatz mit einfließen zu lassen.

Was muss ein homo faber des 21. Jahrhunders können? Welche Fähigkeiten sind die Basis, damit der Menschen als Wertschöpfer in einer prekären Informationsgesellschaft agieren kann?

Grundbildung für Teilhabe 4.0

(Pfeiler 1) Digital

  • Lesen, Schreiben, Rechnen
  • Multi-mediales Lernen und Arbeiten
  • Strategien, um komplexe Informationen zu werten und steuern

(Pfeiler 2) Global

  • Fremdsprachenkompetenz
  • Transfer zwischen Systemen (Meta-Skills)
  • Interkulturelle Wahrnehmung

(Pfeiler 3) Vernetzt

  • Initiative zeigen (unternehmerische Kompetenz)
  • Im Team arbeiten
  • Vernetztes Lernen und Arbeiten (offene Systeme)

(Pfeiler 4) Flexibel

  • Probleme der Lebenswelten erkennen und lösen
  • Selbstorganisation
  • Selbstwirksamkeit
  • Haltung des lebenslanges Lernens

Es war eine spannende Denkaufgabe, die uns vor allen Dingen deutlich gemacht hat, wie wichtig das interkontextuelle Arbeiten auf einer Meta-Ebene ist. Auch die zwischenmenschlichen Fähigkeiten, die bislang in unseren Bildungseinrichtungen als „soft skills“ gesehen werden, sind für die Bewältigung der Zukunft entscheidend.

Fotos: pixabay, pixelio

 

 

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Frag-Würdig?

Am Fachtag der Landesnetzwerkstelle in Sachsen Anhalt stand das Thema Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt. Armin Himmelrath stellte aus der Perspektive eines Journalisten vor, wie eine gute Kooperation mit der Presse aussehen könnte und regte in einem Workshop Ideen für gute Pressemeldungen an. Laut Herrn Himmelrath möchten Journalisten, die in der Presse zum Thema Grundbildung schreiben, drei Bausteine für ihren Bericht:

  1. eine gute Geschichte (mit Protagonisten)
  2. eine Veränderung (Was ist neu? Hoher Interessenwert, bis hin zu Klatsch und Tratsch)
  3. eine hohe soziale Relevanz (Gemeinwohl)

Diese Bausteine sind auch in den Bundeskampagnen und der Öffentlichkeitsarbeit verscheidener Grundbildungsprojekte beliebt. Vor allem in der Teilnehmergewinnung scheint es sinnvoll, dem „Lernbedarf“ ein Gesicht zu geben indem Lernende öffentlich über ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sprechen. Der Lerner- als Protagonist (1)- erzählt eine persönliche Geschichte, die durch die Emotionalität eines Einzelschicksals hohen Interessenwert (2) hat. Die Tatsache, dass dieser Mensch für 7.5 Millionen Erwachsene steht, gibt der Botschaft die soziale Relevanz (3).

Es wäre aber für unsere Arbeit kurzsichtig, wenn wir auf einen kritischen Blick auf diese drei Bausteine verzichten. Wenn wir es mit der Teilnehmergewinnung ernst meinen und schamfreie Zugänge zum Lernen anbieten wollen, müssen wir unbedingt auch über die falschen Eindrücke sprechen, die durch diese Art der Berichterstattung entstehen können:

(1) Die oberflächliche Verbindung des Einzelnen mit der leo.-Level one Studie  schafft den Eindruck, dass Menschen, die nicht gute Lesen und schreiben können, tatsächlich eine  „Gruppe“ bilden und eine erkennbare soziale Zugehörigkeit und Identität haben. So eine Gruppe gibt es aber in Realität nicht und kann daher auch nicht undifferenziert angesprochen werden. Die 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland sind eine statistische Hochrechnung eines sozialen Phänomens.

(2) Der Fokus auf eine persönliche Geschichte in Presse und Werbung führt nicht nur zu einer Personalisierung, sondern auch zu einer Verfälschung dieses Phänomens. Die Lese- und Schreibschwierigkeiten werden beispielhaft an dem Einzelnen festgemacht, stellen sich aber ohne gesellschaftlichen Kontext nur als persönliche Schwäche dar. So entsteht der Eindruck, dass es sich beim Grundbildungsbedarf Erwachsener um Einzelfälle handelt, deren Problem durch eine individuelle „Lernleistung“ behoben werden kann. Durch die persönliche Geschichte verschwindet die Tatsache aus dem Blick, dass die Definition des funktionalen Analphabetismus sinnlos ist, wenn sie ohne den konkreten Schriftkontext benannt wird.

Es gibt kaum Analphabeten in Deutschland, aber sehr viele Menschen, die trotz Alphabetisierung Schwierigkeiten haben. Fast 40% der erwachsenen Bevölkerung erleben viele, konkrete und alltägliche Situationen, in denen das Lesen und Schreiben nicht ausreichend, situationskonform funktioniert. Diese Kontexte lassen sich schlecht pauschalisieren, zumal sie sich sehr schnell ändern können. Damit unsere Öffentlichkeitsarbeit akkurat und sinnvol bleibt, wäre es daher wichtiger, nicht über persönliche Schwächen des Einzelnen zu sprechen, sondern darauf hinzuweisen, dass gerade die sich schnell wandelnden Kontexte in Wirtschaft und Kommunikation in erster Linie für die Überforderung der Erwachsenen in Deutschland verantwortlich sind.

(3) Die Beispielfunktion des Einzelnen in der Öffentlichkeit kippt leicht in die Darstellung eines „Defizitbürgers“ um. Dies wiederum verschleiert strukturelle Missstände, die politisch unbequem sind. Zwei dieser Missstände möchte ich hier aufführen:

  1. Der öffentliche Schriftverkehr, der den Bürgern Teilhabe sichern soll, findet meistens auf dem Sprachniveau C1 oder C2  statt. Sprachniveau C1 allerdings setzt Text- und Systemfähigkeiten voraus, die man erst in der Oberschule erwirbt.  Ein Oberschulabschluss darf aber keine Voraussetzung für Teilhabe sein. Da Ämter und Einrichtungen ihre Schriftstücke in erster Linie mit einem juristischen Blick formulieren,  kommunizieren sie auf eine Art und Weise, die den Bürgern nicht leicht zugänglich ist. Dies wiederum erschwert die Zusammenarbeit des Einzelnen mit den Ämtern und macht Teilhabe zum Problem. Das heißt, auf Grund eines Systemproblems (undifferenzierte Sprache) entsteht ein unangemessener Schriftkontext, und deshalb erleben sich viele gestandene Bürger und Bürgerinnen in Deutschland als funktionalen Analphabeten.
  2.  Ein zweiter Missstand, der sich durch die personalisierte Pressearbeit verschleiern lässt, ist die Tatsache, dass die Erwachsenenbildung – und somit das lebenslange Lernen – bundesweit unterfinanziert sind. In Sachsen- Anhalt lag der Anteil der Landesmittel Erwachsenenbildung am Bildungsbudget bei 0,27%. (vgl. Landesmittel 2015 ) Wie kann die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung dem sozialen und wirtschaftlichen Wandel gerecht werden, wenn das Bildungskonzept des Landes letztendlich nur ein Schulkonzept ist, das etwas „Nachholbildung“ mitfinanziert?

Die Hinweise zur Öffentlichkeitsarbeit von Herrn Himmelrath sind hilfreich, wenn wir mit der Presse ins Gespräch zu kommen wollen. Für die Anliegen der Dekade, allerdings, die durch Öffentlichkeitsarbeit ein Tabu brechen möchte, geht der Weg noch weiter. Die Art der Öffentlichkeitsarbeit, die sich nur mit „guten Geschichten“ ziert, aber auf einen kritischen Blick in Richtung Erwachsenenbildung verzichtet, kommt einer defizitären Bildungspolitik entgegen, diese Wiederum trägt massiv zur Tabuisierung des Themas bei. Ob das gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass das bestehende gesellschaftliche Tabu „nicht ausreichen lesen und schreiben zu können“ eine soziale Dynamikschafft, in der es schwierig ist, die bestehenden Strukturen und Machtverhältnisse in der Erwachsenbildung zu hinterfragen. Somit dient paradoxerweise unsere personalisierte Teilnehmergewinnung der Stabilisierung des Status Quo und damit der Unterfinanzierung der Kurse, für die wir werben wollen.

Foto: Pixabay

Grundbildung 4.0

Der Begriff Bildung 4.0 wird damit erklärt, dass wir es derzeit mit der vierten Industriellen Revolution zu tun haben – nach den industriellen Revolutionen

  • (1) durch Einführung mechanischer Produktionsanlagen (Ende 18. Jh.),
  • (2) durch Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion (Ende 19. Jh.) und
  • (3) nach der Automatisierung durch IT und Elektronik (70er Jahre des 20. Jahrhunderts).

Mit den ersten beiden Revulotionen entstand die Schulform, wie wir sie heute noch kennen – kleine „Bildungsfabriken“, in denen den Kindern das Wissen von den Lehrern „eingetrichtert“ wurde, damit sie für ihren vorbestimmten Arbeitsplatz tauglich werden. Das Bildungssystem hatte weiterhin die Aufgabe kulturelles und personelles Kapital in ökonomisches Kapital umzuwandeln – sprich Fachkräfte zu schaffen, die mit einer zuverlässigen, fleißigen Arbeitsethik das Wirtschaftswunder Deutschland ermöglichen. Auch die sozialen Ungleichheiten, die durch dieses Bildungssystem entstanden, waren für Wachstum der Wirtschaft unabdingbar und wurden durch die 3 Säulen der Bildung  scheinbar normalisiert.

Die Automatisierung der 70er Jahre hat zu einem Boom in Verwaltungsprozessen geführt, aber wenig in den Schulen geändert. Es gab eine neue „moderne“ Raumausstattung mit Computer, aber nicht unbedingt ein neues Bildungskonzept.

Das soll sich mit Bildung 4.0 nun ändern. Ein neues Konzept muss her – gerade in der Erwachsenenbildung, die ja die allgemeine Kompetenz der Bürger des Landes verantworten soll. Schon letztes Jahr berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass die Digitalisierung der Wissenswelt unbedingt eine neue Didaktik braucht. Das Vermitteln von Information wird in der Bildung 4.0 zunehmend von einer hierarchischen  Lernbeziehung getrennt.

Auch in Österreich wird klar für neue Qualitäten in der Lernbeziehung plädiert. Das Lehrende – Lernende Kurskonzept stößt bei der schnellen Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft an seine Grenzen. Die fünf Schlüsselbereiche in der Erwachsenenbildung 4.0 sind demzufolge ein Weg aus dem Paternalismus, hin  zu einer neuen, flexiblen kooperativen Infrastruktur, die digitale Kompetenzen stärkt, eigenständiges Lernen fördert und so die allgemeine Veränderungskompetenz des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt.

Besonders spannend ist ein Bildung 4.0 Manifest, das den „Kulturschock“ der Wissensrevolution für „traditionell geschulte“ Erwachsene beschreibt. Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei. Wir leben und lernen in einer VUCA Welt.

    V wie Volatility = Unbeständigkeit

    U wie Uncertainity = Unsicherheit

 C wie Complexity = Komplexität

    A wie Ambiguity = Mehrdeutigkeit

In 10 Thesen werden die Implikationen der neuen Wissensqualitäten für den Einzelnen und die Gesellschaft durchgespielt. Ein lohnenswerter Beitrag, der Freude auf flexibles und selbstbestimmtes Lernen macht.

Foto: foter.com

Adam, Eva und das Grundbildungstabu

In der Grundbildung gilt „funktionaler Analphabetismus“ als „Tabuthema“. Oft hören wie die Erklärung, dass Anmeldungen in Grundbildungskursen einfach tabu sind. Menschen die nicht gut lesen und schreiben können, wollen sich nicht „outen“. Die Presse berichtet immer wieder von Menschen, die sich durchs Leben mogeln. Wir alle nehmen die Tabusprache leicht in den Mund, aber sind uns oft nicht bewusst, wie stark ein Tabu wirkt. Wir merken auch nicht, wie wir selbst durch diese Sprache Tabus erhalten.

Wenn wir uns Tabus in anderen kulturellen Kontexten anschauen, sehen wir, dass alle Tabus den Interessen der bestehenden Gesellschaft dienen. Es ist einerlei, ob es sich bei dem Tabu um Jade bei den  Maori, gemischte Ehen im rassistischen Apartheidsstaat oder Sexualität in der Aidskrise handelt. Ein Tabu bewirkt immer eine soziale Dynamik, die es schwer macht, die Gesellschaft zu hinterfragen. Wie diese Dynamik funktioniert, können wir mit der Geschichte von Adam und Eva leicht erklären. Sie ist eine der ältesten Tabugeschichten aus unserem Kulturkreis. Wer die Geschichte nicht gut kennt, findet sie hier.

Tabu-Schritt 1: Eine Sache, Thema oder Ort  wird als „tabu“ erklärt. Es gibt ein allgemein anerkanntes Verbot sich mit bestimmten Fragen, Orten oder Personen zu beschäftigen. Das Verbot verschleiert wichtige Information darüber, wie Macht und Teilhabe in der Gesellschaft funktioniert.

Tabu-Schritt 2: Wer sich nicht an das Tabu hält, durchschaut die Verschleierung, darf dann aber nicht mehr Teil der Gruppe bleiben. Es gibt fortan eine Gruppe vom Tabu „Betroffener“, die ausgegrenzt werden kann. Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, begehen sie einen Tabubruch und werden aus dem Paradies vertrieben.

Tabu-Schritt 3: Bei einem Tabubruch wird die Frage nach Verantwortung und Schuld gestellt, und immer auf Kosten der Betroffenen beantwortet. So lässt es sich leicht sagen, dass Adam und Eva selbst schuld sind, wenn sie nicht mehr im Paradies bleiben können. Die Frage, ob Gott eine Verantwortung gehabt hätte, sie vor der Schlange zu schützen, wird nicht gestellt.

Tabu-Schritt 4: Die Ausgrenzung wird durch Scham und Beschämung vollzogen. Durch die Scham werden weitere kritische Fragen verhindert. Adam und Eva schämen sich nun dafür, dass sie so sind, wie Gott sie gemacht hat, nämlich nackt. Durch die Scham fällt ihnen nicht auf, dass es ja vorher, in ihrem unbewussten Zustand, niemandem geschadet hat, nackt zu sein. Noch heute sprechen wir bei Nacktheit von einer natürlichen Scham, obwohl Scham ein kulturelles Konstrukt ist und daher nie „natürlich“ sein kann.

Tabu-Schritt 5: Die wirklichen Machtverhältnisse bleiben verschleiert, die Realität wird stabilisiert und das Tabu bleibt erhalten. Es gibt weiterhin Gott im Paradies, aber die ausgegrenzten Menschen müssen jetzt einen anpassenden „Mehrwert“ leisten, um diesen Zustand wieder zu erreichen.

Wenn wir von einem Tabu in der Grundbildung sprechen, sollten wir mehr tun, als fehlende Teilnehmer in Volkshochschulkursen zu entschuldigen. Wir sollten mutiger sein und dann auch offen über die Tabudynamik im Bildungsbereich sprechen.

Wie funktioniert Macht und Teilhabe in der deutschen Erwachsenenbildung? Was soll verschleiert werden? Warum?

Was für eine Erkenntnis haben Menschen, die sehr wenig oder fehlerhaft Lesen und Schreiben?

Warum ist diese Erkenntnis für das System so gefährlich, dass sie als „Betroffene“ beschämt und ausgegrenzt werden müssen?

Fotos: pixelio.de

 

1€ Job mit Bildung

Laut leo.-Level-One Studie sind Menschen, die längere Zeit nicht in Arbeit waren, mehr von Lese-und Schreibschwierigkeiten betroffen als andere Gruppen. 31,9 % der Arbeitslosen gelten als funktionale Analphabeten. Dazu hinkommt, dass jeder Dritte, der in der Berufsgrundbildung oder Berufsvorbereitung seine einzige berufliche Bildung erwarb, später funktionale/r Analphabet/in ist. Auch hierzu gibt es eine klare Auswertung aus Hamburg.

Diese Zahlen – sowie die rasanten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und der zunehmende Fachkräftemangel in Deutschland – deuten klar daraufhin, dass es verstärkt eine langfristig angelegte Grundbildungskomponente in allen Weiterbildungen und Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit geben muss. Diese sollte sich nicht nur am Lesen und Schreiben orientieren, sondern auch an den Grundkompetenzen, wie sie die EU Skills Guarantee anstrebt. (vgl. unseren Blogbeitrag)

Bislang reagieren Mitarbeiter der Jobcenter sehr verhalten auf diesen Vorschlag. Warum?

  • Selbst wenn sie den Lernbedarf ihrer Kunden kennen, glauben sie, dass die Bundesagentur nicht für Grundbildung zuständig ist, und diese nicht fördern darf. Dabei sind seit 2016 die Bildungsgutscheine und Bildungsprämien für Grundbildung freigegeben. Hinzu kommt die neue Regelung der Förderung von Grundkompetenzen im SGB III, §81, Abs. 3a.
  • Ein weiterer Hinderungsgrund ist die Tatsache, dass Förderung von arbeitsplatzbezogener Grundbildung oft nur nur im Einzelfall gilt – und so werden viele Erwachsene mit Grundbildungsbedarf gar nicht erkannt.

Als BLICKPUNKT alpha denken wir somit verstärkt über Modelle nach, in denen Menschen systematischer und langfristiger „lernend“ bleiben, auch wenn sie in Hilfstätigkeiten angestellt oder gar nicht in Arbeit sind. Dazu gehören z.B. die Vergabe von 1€ Jobs mit konkreter, arbeitsplatzbezogener Grundbildungsschulung oder Jobcentermaßnahmen, mit verpflichtenden Modulen, die Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen auffrischen.

Leider steht in unserer Region diese Arbeit noch sehr in den Anfängen, da der Grundbildungsgedanke für viele Manager noch nicht zukunftsweisend ist. Grundbildung gehört für sie nicht wirklich in den Erwachsenenbereich, und wenn ja, dann nur als „Nachholbildung“ an die VHS. Was müsste passieren, damit hier eine Veränderung möglich wird?

Photo credit: Foter.com

Warum Grundbildung?

Mit dem Beginn der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung besteht kein Zweifel, dass Grundbildung für Erwachsene in Deutschland als wichtiges Bildungsthema erkannt wurde. Auf der einen Seite machte die Veröffentlichung der leo.-Level 1 Studie deutlich, wie viele Menschen auf Grund ihrer fehlenden Schriftkompetenzen in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite bringen die rasanten Veränderungen in der modernen Wissensgesellschaft immer neue Anforderungen an alle Menschen heran. Schon fast 40% der erwachsenen Bevölkerung sind laut leo.- Studie mit den Komplexitäten des heute üblichen Schriftverkehrs überfordert. Aber auch für die restlichen 60% ist die kontinuierliche Entwicklung ihres Wissens und Fähigkeiten eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt.

Es wäre daher kurzsichtig, Grundbildung für Erwachsene (nur) als „Nachholbildung“ für eine Randgruppe in der Gesellschaft zu verstehen. Der große und stete Bedarf an Grundbildung ist dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft geschuldet, der unser soziales Erleben zunehmend fragmentiert, aber auch (paradoxerweise) globalisiert. Wenn Erwachsene aktiv und selbstbestimmt mit dieser Dynamik umgehen sollen, brauchen sie formale und informelle Lernorte, in denen sie befähigt werden, die vielfältigen Veränderungen aufzugreifen und als neue Chancen für sich und ihr Umfeld zu nutzen. Zukunftsorientierte Grund-Bildung sollte somit den Blick nicht in erster Linie auf die defizitäre Bildungs-Grundlage richten, sondern auf den veränderten Kompetenzbedarf, d.h. auf den aktuellen Grund-für-Bildung.

Grundbildung ist also kein feststehend definierter Begriff. Er muss dynamisch verstanden werden. Dynamisch wird er aber erst, wenn er die lebenslange Bildung von Erwachsenen nicht in erster Linie inhaltlich oder institutionell festmacht, sondern sich lebensbegleitend sowohl wirtschaftlich als auch kulturell definiert. Dynamische Grundbildung kommt einer steten Lern-Bewegung gleich. Für eine zukunftsorientierte Grundbildung brauchen wir somit in unseren Kommunen vor allen Dingen eine öffentliche Kultur des Lernens, die allen Bürgern, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in Bewegung zu bleiben, ihre Talente zu entdecken und sich weiter zu entwickeln. Die Verantwortung liegt bei den Kommunen sich selbst als wandelbares Gefüge zu verstehen, das zum Lernen Mut macht, unkomplizierte und sinnvolle Bildungswege aufzeigt und Zugänge schafft.

Der stete Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ist ein wichtiger Grund, der für eine flächendeckende Grundbildung für Erwachsene in unseren Kommunen spricht. Ein zweiter Grund ist die politische Stabilität unserer Kommunen, die von einer mündigen Teilhabe der Bürger abhängig sind. Obwohl der politische Aspekt der Grundbildungsarbeit selten explizit formuliert ist, ist die grundsätzliche Verknüpfung von gesellschaftlicher Teilhabe und Grundbildung in den Werten der demokratischen Gesellschaft verankert. Wer Demokratie will, muss immer etwas dafür tun.