Archiv für den Monat September 2017

Recht dumm …

Es ist auffallend, wie oft den Wählern der AfD eine fehlende Bildung unterstellt wird. In den Medien aller Art häuften sich schon im Wahlkampf Formulierungen wie „bildungsfern“, „abgehängt“ oder „rassistisch und dumm“, wenn es um das rechte politische Spektrum ging. In der öffentlichen Wahrnehmung wird auch jetzt – nach der Wahl – der hohe Grundbildungsbedarf in Deutschland einseitig besetzt und politisiert.

Als Grundbildungsprojekt fragen wir uns derzeit natürlich, was diese beschämende Haltung für unsere Arbeit bedeutet. Durch eine undifferenzierte Polemik werden Millionen von Erwachsenen in Deutschland, die beschwerlich lesen und schreiben, für den Rechtsruck in der Politik verantwortlich gemacht. Was können wir im Grundbildungsbereich dagegen halten? Wo fangen wir an?

Lesenswert ist das Alphabet des rechten Denkens

Es lohnt sich auch das Bild des bildungsfernen, völkischen Populismus kritisch zu beleuchten. Wie schon in den USA, Frankreich oder England, sind auch in Deutschland die aktivsten Unterstützer der rechten Parteien selten arm oder dumm. Welche reichen und cleveren Menschen haben ein Interesse an einer rechts-konservativen Politik?

Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass wir im Grundbildungsbereich unsere eigene Sprache überdenken. Noch sind wir sehr defizitorientiert. Zu schnell wird auch in unserer Öffentlichkeitsarbeit eine kompetente Arbeitskraft zum funktionalen Analphabeten. Gut gemeinte Artikel in der Zeitung haben manchmal durch eine undifferenzierte Sprache einen beschämenden Effekt.

Schon 2014 stand der Ausdruck „bildungsfern“ auf Platz fünf der unsozialen Wörter. Wie sehr Lernende unter dieser Abwertung leiden, zeigen auch die Gegen-Botschaften, die bei dem Medientraining des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung e.V. entstanden sind.

Nicht Lesen und schreiben zu können hat nichts mit Dummheit zu tun!

Foto: Pixelio.de

 

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The dark side of literacy

Anfang September fand die zweite Bundesfachkonferenz Grundbildung des DVV in Erfurt statt. Dort brachte Herr Dr. Thomas Fritz vom lernraum.wien seine erfrischend selbst-kritische Stimme ein. Er erwähnte dabei das Diskussionsforum „The dark side of literacy“, das schon 2016 versucht hat, im aktuellen Diskurs zur Grundbildung auch die Schattenseiten zu erfassen und kritisch zu beleuchten.  Daraus ist ein sehr spannender Tagungsbericht des bifeb Österreich geworden, den wir nur empfehlen können.

Besonders lesenswert fanden wir Uwe Bittlingmayers Beitrag, der den Zusammenhang zwischen Bildung und beruflichem Aufstieg in Frage stellt. Mit Hilfe einer bourdieuschen Analyse zeigt er auf, wie das kulturelle Kapital des Bildungsbürgertums in der prekären Wissensgesellschaft inflationär an Wert verliert. Um diesem Trend entgegen zu wirken, wird die einst enge Verknüpfung zwischen Ökonomie und Bildung wieder hergestellt. Dabei geht es in der Grundbildung weniger um die Frage, ob eine Arbeitsbiografie ohne Lesen und Schreiben möglich ist. In der Darstellung der Sachlage wird vor allem deutlich, dass die nur bedingt ausgeprägte Beherrschung von Kulturtechniken (wie Lesen und Schreiben) als Normverletzung gilt.

Wenn dort – warum nicht hier?

In unserem Fernsehbeitrag zum Weltalphabetisierungstag  sagen wir sehr deutlich, dass etwa 40% der Erwachsenen in Deutschland auf Grundschulniveau lesen und schreiben. Auch in anderen Staaten Europas geht man davon aus, dass fast  die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung mit längeren Texten überfordert ist. Daher hat die Europäische Union eine länderübergreifende Bildungsinitiative vorgeschlagen. In Deutschland ist sie 2016 unter dem Stichwort „Weiterbildungspfade“ aufgenommen worden.

In Neuseeland geht man offener und entspannter mit der Problematik um. Auch dort schätzt man, dass 40% der erwerbstätigen Menschen nicht ausreichend lesen und schreiben können. Die Neuseeländer jedoch entwerfen keine komplexen Richtlinien oder Programme. Sie schreiten effektiv zur Tat. Das „Schulhaus“ wird  dank der neuen Medien mobil gemacht und auch in die kleinsten Dörfer gebracht. Die wichtigstem Partner in der neuseeländischen Bildungsoffensive sind die Arbeitgeber. Mit prägnanten, klaren Sätzen werden sie mobilisiert.  Hier ist eine kurze Argumentationskette aus dem arbeitsplatzbezogenen Bildungsbereich:

4 Gründe, warum Arbeitgeber etwas für die Grundbildung ihrer Angestellten tun möchten:

  • Besseres Lesen, Schreiben und Rechnen nützt jedem Arbeitgeber. Fehler kosten Geld.
  • Die Investition in Lernprogramme ist eine Investition in Wachstum und Loyalität vor Ort.
  • Mehr Flexibilität mit der Schriftsprache bedeutet mehr Flexibiltät in jedem Aufgabenbereich
  • Lesen, Schreiben, Rechnen: Der Nachwuchs in unseren Betrieben wird gesichert und einem Fachkräftemangel vorgebeugt.

Mit einem flexiblen, kostengünstigen, online Basic-Skills-Programm können sich auch die kleinsten Betriebe diese Bildungsoffensive leisten. Auch in Deutschland haben wir diese Ressourcen. Mit dem Lernportal des DVV könnten alle kostengünstig lernen. Aber noch tun wir uns schwer, unsere Grundbilungspartner selbstwirksam und mobil zu denken. Schade eigentlich. Wenn es dort klappt, warum nicht hier?

Foto: pixelio.de

Grundbildung 4.0

Der Begriff Bildung 4.0 wird damit erklärt, dass wir es derzeit mit der vierten Industriellen Revolution zu tun haben – nach den industriellen Revolutionen

  • (1) durch Einführung mechanischer Produktionsanlagen (Ende 18. Jh.),
  • (2) durch Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion (Ende 19. Jh.) und
  • (3) nach der Automatisierung durch IT und Elektronik (70er Jahre des 20. Jahrhunderts).

Mit den ersten beiden Revulotionen entstand die Schulform, wie wir sie heute noch kennen – kleine „Bildungsfabriken“, in denen den Kindern das Wissen von den Lehrern „eingetrichtert“ wurde, damit sie für ihren vorbestimmten Arbeitsplatz tauglich werden. Das Bildungssystem hatte weiterhin die Aufgabe kulturelles und personelles Kapital in ökonomisches Kapital umzuwandeln – sprich Fachkräfte zu schaffen, die mit einer zuverlässigen, fleißigen Arbeitsethik das Wirtschaftswunder Deutschland ermöglichen. Auch die sozialen Ungleichheiten, die durch dieses Bildungssystem entstanden, waren für Wachstum der Wirtschaft unabdingbar und wurden durch die 3 Säulen der Bildung  scheinbar normalisiert.

Die Automatisierung der 70er Jahre hat zu einem Boom in Verwaltungsprozessen geführt, aber wenig in den Schulen geändert. Es gab eine neue „moderne“ Raumausstattung mit Computer, aber nicht unbedingt ein neues Bildungskonzept.

Das soll sich mit Bildung 4.0 nun ändern. Ein neues Konzept muss her – gerade in der Erwachsenenbildung, die ja die allgemeine Kompetenz der Bürger des Landes verantworten soll. Schon letztes Jahr berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass die Digitalisierung der Wissenswelt unbedingt eine neue Didaktik braucht. Das Vermitteln von Information wird in der Bildung 4.0 zunehmend von einer hierarchischen  Lernbeziehung getrennt.

Auch in Österreich wird klar für neue Qualitäten in der Lernbeziehung plädiert. Das Lehrende – Lernende Kurskonzept stößt bei der schnellen Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft an seine Grenzen. Die fünf Schlüsselbereiche in der Erwachsenenbildung 4.0 sind demzufolge ein Weg aus dem Paternalismus, hin  zu einer neuen, flexiblen kooperativen Infrastruktur, die digitale Kompetenzen stärkt, eigenständiges Lernen fördert und so die allgemeine Veränderungskompetenz des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt.

Besonders spannend ist ein Bildung 4.0 Manifest, das den „Kulturschock“ der Wissensrevolution für „traditionell geschulte“ Erwachsene beschreibt. Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei. Wir leben und lernen in einer VUCA Welt.

    V wie Volatility = Unbeständigkeit

    U wie Uncertainity = Unsicherheit

 C wie Complexity = Komplexität

    A wie Ambiguity = Mehrdeutigkeit

In 10 Thesen werden die Implikationen der neuen Wissensqualitäten für den Einzelnen und die Gesellschaft durchgespielt. Ein lohnenswerter Beitrag, der Freude auf flexibles und selbstbestimmtes Lernen macht.

Foto: foter.com