Was ist der Mensch?

We must not allow other people’s limited perceptions to define us. (Virginia Satir)

Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die begrenzte Wahrnehmung anderer Menschen definiert.

Paolo Freire hat schon früh in seinem eigenen Leben erlebt, wie die begrenzte Wahrnehmung anderer Menschen ihn „enthumanisiert“ hat. Nachdem sein Vater starb und die Familie verarmte, musste die Mutter mit ihren vier Söhnen umziehen. Paolo Freire wurde wurde aus dem gutbürgerlichen Bildungsmilieu ausgeschlossen und er musste auf eine „arme“ Schule gehen. Dort wurde er wegen seiner bürgerlichen Herkunft von seinen neuen Schulkameraden abgelehnt. Er war nirgends willkommen. Er hatte ständig Hunger, vermisste seine alten Freunde und entwickelte Lernschwierigkeiten. Er wollte die Schule abbrechen und wäre auf der Straße gelandet, wenn sich nicht Mutter und Brüder, laut Freire, für seine Menschwerdung eingesetzt hätten. Sein ältester Bruder brach sein Studium ab, um Geld zu verdienen, und seine Mutter überzeugte den Direktor einer katholischen Privatschule, ihrem Sohn ein Stipendium zu geben.

Wenn Paolo Freire später über diese frühen Erfahrungen sprach, machte er deutlich, (1) wie die Widersprüche seiner „Grenzüberschreitung“ (von reich zu arm) ihm das kritische Denken ermöglicht haben, und (2) was für eine psychische Gewalt mit einer defizitären Sprache ausgeübt werden kann. (vgl. PN Rule: Dialogue and Boundary Learning).

Die Frage nach einem humanen Ansatz in der Grundbildung ist also immer auch eine Frage nach unserem Menschenbild. Was bedeutet es Mensch zu sein?

Menschen sind Autorinnen und Autoren ihres eigenen Lebens, (Julian Nida-Rümelin)

Menschen sind unvollendete Wesen, die sich ihrer Unfertigkeit bewusst sind. In den konkreten Zusammenhängen ihres Lebens halten sich die Möglichkeiten zur Humanisierung und Enthumanisierung die Wage. (Paolo Freire)

Eine Dekade der Alphabetisierung und Grundbildung, die geringe Literalität über den funktionalen Analphabetismus operationalisiert (Presseheft leo 2018) und sich auf die Defizite der „funktionalen Analphabeten“ konzentriert, scheint nicht sehr human zu sein.

Paolo Freire dagegen hat sich in seiner Arbeit mit Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben konnten, nicht auf ihre Defizite konzentriert. Er hat sie nach ihren konkreten Problemen und Wünschen gefragt. Er hat sie zur persönlichen Entfaltung ermutigt und sie dafür sensibilisiert, dass Schrift ein Machtinstrument ist. Dieses Machtinstrument hat er dann – durch seine dialogische Didaktik – in der  Alphabetisierung zum befreienden Instrument der Menschwerdung gemacht.

Foto: pixabay.de

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