Archiv des Autors: blickpunktalpha

Laut nachdenken …

2018 wollen wir gezielt für Grundbildung in unserem Landkreis werben. Dabei lohnt es sich, die Grundfragen jeder Werbekampagne klar in den Raum zu stellen:

Wer ist unsere Zielgruppe?

  • Alle deutschsprechenden Erwachsene, 18 +

Diese Gruppe ist heterogen. Wir müssen also weiter differenzieren und genauer hinschauen.

Welche Erwachsene müssen Grundkenntnisse auffrischen oder erwerben, damit sie in der Gesellschaft nicht abgehängt werden?

  • Ausbildungsabbrecher/innen oder erfolglose Altbewerber/innen
  • Studienabbrecher/innen mit guter schulischer Vorbildung und Kompetenzen aus dem Studium, die „aus der Übung gekommen“ sind
  • Arbeitslose und beschäftigte Personen ohne beruflichen Abschluss, aber mit hochwertiger oder langer Berufserfahrung
  • Personen, die nach Unterbrechung (lange Arbeitslosigkeit oder Krankheit, mehrjährige Elternzeit) mit obsoleter Ausbildung wieder berufstätig werden oder die ihren Beruf wechseln
  • Personen mit ausländischen nicht anerkannten akademischen und beruflichen Abschlüssen und/oder längerer Berufserfahrung
  • Senioren, die sich mit dem technologischen Wandel schwertun.

Was haben all diese Personengruppen gemeinsam?

  • Ihre Fähigkeiten genügen den Anforderungen des sich schnell wandelnden Arbeitsmarktes nicht.
  • Ein linearer Bildungsweg, der zu formalen Qualifizierungen führt, ist für sie uninteressant, wenn nicht sogar abschreckend und überfordernd.
  • Ihre oft schriftfernen, lebensweltorientierten Kompetenzen werden selten wahrgenommen und mitgedacht.
  • Sie erleben, dass sie durch die oft unflexible, hierarchische Struktur der formalen Abläufe „abgewertet“ werden und wenig Selbstwirksamkeit erfahren.
  • Sie fühlen sich vielen Erneuerungen (wie z.B. online Banking) ausgeliefert und wissen nicht wo sie einen sicheren Ort finden, an dem sie Fragen stellen können, ohne Angst, dass sie „dumm dastehen“.

Ein gutes Grundbildungsangebot kann diese Gemeinsamkeiten aufgreifen und eine solide Basis für das lebenslange Lernen schaffen.  Entscheidend dabei sind Flexibilität, Lebensorientierung und  Vielfalt. Grundbildung für Erwachsene muss also vom gelebten Leben her gedacht und geplant werden. Dabei geht es im Einzelnen um konkrete Kontexte, die mit allgemeinen metakognitiven Strategien verknüpft werden müssen. Dabei wird die Fähigkeit eine Frage zu formulieren wichtiger als die Antwort, und die Selbstwirksamkeit rückt in den Mittelpunkt.

Es geht bei Erwachsenenbildung schon lange nicht mehr um Wissensvermittlung. Dazu gibt es heute You Tube Videos, Wikipedia und andere Möglichkeiten im Internet. Der Mehrwehrt einer Bildungsveranstaltung  für Erwachsene liegt in vertrauensvollen Lernbeziehungen, die eine Haltung des lebenslangen Lernens ermöglichen. Wenn wir das nicht begreifen, wird es unseren Bildungseinrichtungen und Projekten schwer fallen etwas sinnvolles anzubieten, was Herr Google nicht schon lange, kostengünstiger kann.

Foto: Pixabay

 

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Frag-Würdig?

Am Fachtag der Landesnetzwerkstelle in Sachsen Anhalt stand das Thema Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt. Armin Himmelrath stellte aus der Perspektive eines Journalisten vor, wie eine gute Kooperation mit der Presse aussehen könnte und regte in einem Workshop Ideen für gute Pressemeldungen an. Laut Herrn Himmelrath möchten Journalisten, die in der Presse zum Thema Grundbildung schreiben, drei Bausteine für ihren Bericht:

  1. eine gute Geschichte (mit Protagonisten)
  2. eine Veränderung (Was ist neu? Hoher Interessenwert, bis hin zu Klatsch und Tratsch)
  3. eine hohe soziale Relevanz (Gemeinwohl)

Diese Bausteine sind auch in den Bundeskampagnen und der Öffentlichkeitsarbeit verscheidener Grundbildungsprojekte beliebt. Vor allem in der Teilnehmergewinnung scheint es sinnvoll, dem „Lernbedarf“ ein Gesicht zu geben indem Lernende öffentlich über ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sprechen. Der Lerner- als Protagonist (1)- erzählt eine persönliche Geschichte, die durch die Emotionalität eines Einzelschicksals hohen Interessenwert (2) hat. Die Tatsache, dass dieser Mensch für 7.5 Millionen Erwachsene steht, gibt der Botschaft die soziale Relevanz (3).

Es wäre aber für unsere Arbeit kurzsichtig, wenn wir auf einen kritischen Blick auf diese drei Bausteine verzichten. Wenn wir es mit der Teilnehmergewinnung ernst meinen und schamfreie Zugänge zum Lernen anbieten wollen, müssen wir unbedingt auch über die falschen Eindrücke sprechen, die durch diese Art der Berichterstattung entstehen können:

(1) Die oberflächliche Verbindung des Einzelnen mit der leo.-Level one Studie  schafft den Eindruck, dass Menschen, die nicht gute Lesen und schreiben können, tatsächlich eine  „Gruppe“ bilden und eine erkennbare soziale Zugehörigkeit und Identität haben. So eine Gruppe gibt es aber in Realität nicht und kann daher auch nicht undifferenziert angesprochen werden. Die 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland sind eine statistische Hochrechnung eines sozialen Phänomens.

(2) Der Fokus auf eine persönliche Geschichte in Presse und Werbung führt nicht nur zu einer Personalisierung, sondern auch zu einer Verfälschung dieses Phänomens. Die Lese- und Schreibschwierigkeiten werden beispielhaft an dem Einzelnen festgemacht, stellen sich aber ohne gesellschaftlichen Kontext nur als persönliche Schwäche dar. So entsteht der Eindruck, dass es sich beim Grundbildungsbedarf Erwachsener um Einzelfälle handelt, deren Problem durch eine individuelle „Lernleistung“ behoben werden kann. Durch die persönliche Geschichte verschwindet die Tatsache aus dem Blick, dass die Definition des funktionalen Analphabetismus sinnlos ist, wenn sie ohne den konkreten Schriftkontext benannt wird.

Es gibt kaum Analphabeten in Deutschland, aber sehr viele Menschen, die trotz Alphabetisierung Schwierigkeiten haben. Fast 40% der erwachsenen Bevölkerung erleben viele, konkrete und alltägliche Situationen, in denen das Lesen und Schreiben nicht ausreichend, situationskonform funktioniert. Diese Kontexte lassen sich schlecht pauschalisieren, zumal sie sich sehr schnell ändern können. Damit unsere Öffentlichkeitsarbeit akkurat und sinnvol bleibt, wäre es daher wichtiger, nicht über persönliche Schwächen des Einzelnen zu sprechen, sondern darauf hinzuweisen, dass gerade die sich schnell wandelnden Kontexte in Wirtschaft und Kommunikation in erster Linie für die Überforderung der Erwachsenen in Deutschland verantwortlich sind.

(3) Die Beispielfunktion des Einzelnen in der Öffentlichkeit kippt leicht in die Darstellung eines „Defizitbürgers“ um. Dies wiederum verschleiert strukturelle Missstände, die politisch unbequem sind. Zwei dieser Missstände möchte ich hier aufführen:

  1. Der öffentliche Schriftverkehr, der den Bürgern Teilhabe sichern soll, findet meistens auf dem Sprachniveau C1 oder C2  statt. Sprachniveau C1 allerdings setzt Text- und Systemfähigkeiten voraus, die man erst in der Oberschule erwirbt.  Ein Oberschulabschluss darf aber keine Voraussetzung für Teilhabe sein. Da Ämter und Einrichtungen ihre Schriftstücke in erster Linie mit einem juristischen Blick formulieren,  kommunizieren sie auf eine Art und Weise, die den Bürgern nicht leicht zugänglich ist. Dies wiederum erschwert die Zusammenarbeit des Einzelnen mit den Ämtern und macht Teilhabe zum Problem. Das heißt, auf Grund eines Systemproblems (undifferenzierte Sprache) entsteht ein unangemessener Schriftkontext, und deshalb erleben sich viele gestandene Bürger und Bürgerinnen in Deutschland als funktionalen Analphabeten.
  2.  Ein zweiter Missstand, der sich durch die personalisierte Pressearbeit verschleiern lässt, ist die Tatsache, dass die Erwachsenenbildung – und somit das lebenslange Lernen – bundesweit unterfinanziert sind. In Sachsen- Anhalt lag der Anteil der Landesmittel Erwachsenenbildung am Bildungsbudget bei 0,27%. (vgl. Landesmittel 2015 ) Wie kann die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung dem sozialen und wirtschaftlichen Wandel gerecht werden, wenn das Bildungskonzept des Landes letztendlich nur ein Schulkonzept ist, das etwas „Nachholbildung“ mitfinanziert?

Die Hinweise zur Öffentlichkeitsarbeit von Herrn Himmelrath sind hilfreich, wenn wir mit der Presse ins Gespräch zu kommen wollen. Für die Anliegen der Dekade, allerdings, die durch Öffentlichkeitsarbeit ein Tabu brechen möchte, geht der Weg noch weiter. Die Art der Öffentlichkeitsarbeit, die sich nur mit „guten Geschichten“ ziert, aber auf einen kritischen Blick in Richtung Erwachsenenbildung verzichtet, kommt einer defizitären Bildungspolitik entgegen, diese Wiederum trägt massiv zur Tabuisierung des Themas bei. Ob das gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass das bestehende gesellschaftliche Tabu „nicht ausreichen lesen und schreiben zu können“ eine soziale Dynamikschafft, in der es schwierig ist, die bestehenden Strukturen und Machtverhältnisse in der Erwachsenbildung zu hinterfragen. Somit dient paradoxerweise unsere personalisierte Teilnehmergewinnung der Stabilisierung des Status Quo und damit der Unterfinanzierung der Kurse, für die wir werben wollen.

Foto: Pixabay

Nicht nur Weihnachtsmarkt in Nürnberg!

Anfang November fand in Nürnberg eine Tagung zur Berufsbildung statt. Das Thema war „Weiterbildungsangebote für nicht formal Qualifizierte lernförderlich gestalten.“ Der inhaltliche Schwerpunkt der Tagung war das Weiterbildungskonzept des BMBF geförderten Projekts „Pro-up“ und deren innovative Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung.

Ich fand die Tagung sehr spannend, da sie das Problem der Grundbildung zum Kernthema hatte und doch keine defizitorientierte  „Grundbildungstagung“ war. Viele Teilnehmer*innen der Tagung kamen aus der leistungsstarken Wirtschaft in Bayern oder Baden-Württemberg. Sie suchten neue Wege, nicht formal Qualifizierte Mitarbeiter*innen (oder Bewerber*innen) als Fachkräftepotenzial zu nutzen. Der Fachkräftebedarf für die mittlere Qualifikationsebene stellt sie vor die Herausforderung, neue Wege zur Gewinnung von qualifiziertem Personal einzuschlagen. Für sie sind geringqualifizierte Erwachsene keine Defizitgruppe, sondern ein ungenutztes Potential. Das wurde schon in der Sprache deutlich, mit der die Vortragenden die Problemlage beschrieben:

  • Keine „Ungelernten“, sondern nicht formal Qualifizierte
  • Keine fehlenden Abschlüsse, sondern eine Phase der Kompetenzfeststellung vor Ort.
  • Keine „Maßnahmeabbrüche“, sondern den Bedarf für eine Lernprozessbegleitung
  • Keine „funktionale Analphabeten“, sondern den Bedarf für eine zielgruppengerechte Konzeption
  • Keine niedrigschwelligen Angebote, sondern lernförderliche Weiterbildungsangebote.

Ich hatte während der Gespräche und Fragerunden nicht den Eindruck, dass die kompetenzorientierten Formulierungen die Schwierigkeiten der Zielgruppe verschönern sollten. Die Schwierigkeiten wurden angenommen und der bewusste Kompetenzblick war  zukunftsorientiert. (Vgl. Knut Diekmann, DHIK, „Grundbildung in die Zukunft gedacht“).  Er schien eher aus der Not zu entstehen, wo alle noch nicht genutzten Möglichkeiten von Interesse sind. Dabei war es allen klar, dass die Förderung einer Weiterbildungsaktivität von nicht formal qualifizierten Mitarbeitenden eine Herausforderung ist. Diese kann nur gemeistert werden, wenn die Weiterbildungen klare Konzepte entwickeln, die zur Überwindung bestehender Lernhindernisse beitragen.

Die Erfahrung von Pro-up zeigt, dass bestehende Lernhindernisse erfolgreich angegangen werden können. Dazu braucht es didaktische Neuausrichtungen wie:

  • eine gemeinsame Konzeption von Betrieb und Bildungsträger, mit frühzeitigen und erweiterten betriebliche Praxisphasen, damit arbeitsplatznahes Lernen möglich wird.
  • eine intensive Lernprozessbegleitung der Lernenden und regelmäßige Beratung in den Betrieben.
  • regelmäßige Reflexionsschleifen beim Bildungsträger, die ein flexibles, passgenaues Zusammenspiel der praktischen und theoretischen Lernerfahrungen ermöglichen.
  • eine methodisch vielseitige Theorievermittlung (z.B. blended Learning), die mitunter auch im Betrieb stattfinden kann.
  • Inhaltliche Grundlagen, die modularisierte Kompetenzbündel bilden (z.B. als Teilqualifikation) und so den schrittweisen Erwerb eines Berufsabschlusses ermöglichen.

Wie schön wäre es, wenn wir diese Adventszeit eine neues Nachdenken zu Grundbildung ohne Defizit-Depression erleben könnten!

Foto: Christian heinze  / pixelio.de

Der „Analphabet“ muss weg!

Anfang September fand europaweit ein EPALE Austausch zu den Begriffen der Grundbildung statt. Die Diskussion wurde für EPALE von dem Engländer David Mallows moderiert.

Auf seinem Blog „What is literacy?“ stellt David Mallows die Begriffe basic literacy (lesen, schreiben rechnen)  anderen Formen von literacy gegenüber. Er zeigt so die Vielfalt der Wissenssysteme auf, die wir in unserem Alltag beherrschen müssen. Dabei geht es um Finanzen (economic literacy) und Medien (digital literacy) bis hin zu unseren ganz persönlichen Gefühlen (emotional literacy). Insgesamt ist er auf 33 verschiedene „literacies“ gekommen. Das Konzept „literacy“ richtet damit den Blick über den Schrifterwerb hinaus auf ein komplexes, kontextspezifisches Wissen. Dieses wird systematisch artikuliert und gegebenenfalls mit Schrift verknüpft.

In diesem Zusammenhang warnt David Mallows davor, das Wort Analphabeten  undifferenziert zu gebrauchen. Das lenke von der Bildungsnot in Europa ab. In europäischen  Ländern geht es bei der Grundbildung selten um Menschen, die das System Schrift gar nicht kennen, sondern eher um die, die es nur in seiner rudimentären Form nutzen können. Somit sind sie schnell mit den schriftlichen Anforderungen in einem anderen Wissenskontext (wie z.B. Finanzen) überfordert.

In Österreich sind die Begrifflichkeiten in der Grundbildung relativ klar. Dort wird im Allgemeinen das Wort Basisbildung eingesetzt. Mit diesem offenen Begriff wird eine Diskussion möglich, in der das Lesen, Schreiben und Rechnen, seinen Bezug zu anderen Wissenssystemen behält. Auch die Rolle der Schrift in den unterschiedlichen Wissensfeldern kann neu beleuchtet werden. Zusätzlich ist es in der österreichischen Basisbildung auch wichtig, auf die Haltung zu achten, die Erwachsenen ein lebenslanges Lernen ermöglicht.  Basisbildung erhebt somit den Anspruch einer sozialen Praxis, die fließend und dynamisch Zugänge schafft und die Menschen ganzheitlich stärkt.

Ein weiterer Aspekt der Grundbildung in Europa ist die Diskussion um die grundsätzlichen Fähigkeiten, die eine Wissensgesellschaft braucht. EPALE beteiligt sich hier mit dem European Basic Skills Network, und in diesem Netzwerk diskutieren sie über die Grundkompetenzen, die Europa für die Zukunft braucht. Diese wiederrum stehen im Zusammenhang mit den Zielen von Bildung 2030 der UNESCO. In Deutschland findet diese Diskussion unter dem Begriff Weiterbildungspfade statt.

In der weiterführenden EPALE Diskussion wird mit dem Konzept von literacy  das Grundwissen mit Kompetenz  und Leistung verknüpft. Es braucht also (auch beim Lesen und Schreiben) eine aktive Verknüpfung zwischen dem allgemeinen Wissen und der Anwendung in einem spezifischen Kontext. Entscheidend für jede Form der literacy ist daher die Fähigkeit „Zeichen“ und „Koden“ zu verstehen, ihr System zu analysieren und passende Elemente auszuwählen, um diese dann zielbewusst und kontextsicher einzusetzen.  Erst wenn Wissen und Kompetenz angemessen (und passend) auf den spezifischen Kontext zugeschnitten sind, wird die eigentliche performance , sprich „Leistung“ des Einzelnen sichtbar.   Das bedarf einer kritischen und wachen Grundhaltung, die auf die passgenaue Lösung eines Problems fokussiert.

Eine interessante sprachliche Beobachtung war für uns die Tatsache, dass im englischsprachigen EPALE Bereich der Begriff „functional literacy“ (funktionale Lese-und Schreibkompetenzen) üblich ist. Damit wird das Minimum an Wissen und Fähigkeiten gemeint, die der Einzelne braucht, um sich selbstwirksam als Lerndender in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zu bewegen. Der Begriff des funktionalen Analphabeten, der auf die fehlende Leistung des Einzelnen schaut, ist zwar in Deutschland sehr beliebt, in der internationalen Diskussion jedoch nicht sehr relevant. Der Defizitblick unser Begrifflichkeit lenkt hier von der eigentlichen Herausforderung in Europa ab.

Das Fazit der EPALE Dikussion lautet:

„The Belém Framework for Action presents key elements for understanding literacy today: (a) literacy as a continuum; (b) sustainable literacy as a target; (c) literacy as an empowering tool that enables participants to continue as lifelong learners.“

  • Es geht nicht um eine fehlende Leistung, sondern um ein Kontinuum von Fähigkeiten.
  • Ziel ist eine nachhaltige und zukunftsfähige Lese-, Schreib -und Lernkompetenz.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen sind wertvolle Werzeuge zur „empowerment“, sprich Befähigung, einer Haltung, die zum lebenslangen lernen führt.

 

Photo: Pixabay.com

Recht dumm …

Es ist auffallend, wie oft den Wählern der AfD eine fehlende Bildung unterstellt wird. In den Medien aller Art häuften sich schon im Wahlkampf Formulierungen wie „bildungsfern“, „abgehängt“ oder „rassistisch und dumm“, wenn es um das rechte politische Spektrum ging. In der öffentlichen Wahrnehmung wird auch jetzt – nach der Wahl – der hohe Grundbildungsbedarf in Deutschland einseitig besetzt und politisiert.

Als Grundbildungsprojekt fragen wir uns derzeit natürlich, was diese beschämende Haltung für unsere Arbeit bedeutet. Durch eine undifferenzierte Polemik werden Millionen von Erwachsenen in Deutschland, die beschwerlich lesen und schreiben, für den Rechtsruck in der Politik verantwortlich gemacht. Was können wir im Grundbildungsbereich dagegen halten? Wo fangen wir an?

Lesenswert ist das Alphabet des rechten Denkens

Es lohnt sich auch das Bild des bildungsfernen, völkischen Populismus kritisch zu beleuchten. Wie schon in den USA, Frankreich oder England, sind auch in Deutschland die aktivsten Unterstützer der rechten Parteien selten arm oder dumm. Welche reichen und cleveren Menschen haben ein Interesse an einer rechts-konservativen Politik?

Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass wir im Grundbildungsbereich unsere eigene Sprache überdenken. Noch sind wir sehr defizitorientiert. Zu schnell wird auch in unserer Öffentlichkeitsarbeit eine kompetente Arbeitskraft zum funktionalen Analphabeten. Gut gemeinte Artikel in der Zeitung haben manchmal durch eine undifferenzierte Sprache einen beschämenden Effekt.

Schon 2014 stand der Ausdruck „bildungsfern“ auf Platz fünf der unsozialen Wörter. Wie sehr Lernende unter dieser Abwertung leiden, zeigen auch die Gegen-Botschaften, die bei dem Medientraining des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung e.V. entstanden sind.

Nicht Lesen und schreiben zu können hat nichts mit Dummheit zu tun!

Foto: Pixelio.de

 

The dark side of literacy

Anfang September fand die zweite Bundesfachkonferenz Grundbildung des DVV in Erfurt statt. Dort brachte Herr Dr. Thomas Fritz vom lernraum.wien seine erfrischend selbst-kritische Stimme ein. Er erwähnte dabei das Diskussionsforum „The dark side of literacy“, das schon 2016 versucht hat, im aktuellen Diskurs zur Grundbildung auch die Schattenseiten zu erfassen und kritisch zu beleuchten.  Daraus ist ein sehr spannender Tagungsbericht des bifeb Österreich geworden, den wir nur empfehlen können.

Besonders lesenswert fanden wir Uwe Bittlingmayers Beitrag, der den Zusammenhang zwischen Bildung und beruflichem Aufstieg in Frage stellt. Mit Hilfe einer bourdieuschen Analyse zeigt er auf, wie das kulturelle Kapital des Bildungsbürgertums in der prekären Wissensgesellschaft inflationär an Wert verliert. Um diesem Trend entgegen zu wirken, wird die einst enge Verknüpfung zwischen Ökonomie und Bildung wieder hergestellt. Dabei geht es in der Grundbildung weniger um die Frage, ob eine Arbeitsbiografie ohne Lesen und Schreiben möglich ist. In der Darstellung der Sachlage wird vor allem deutlich, dass die nur bedingt ausgeprägte Beherrschung von Kulturtechniken (wie Lesen und Schreiben) als Normverletzung gilt.