Paolo Freire zum 100. Geburtstag

Am 19. September 2021 ist der 100. Geburtstag von Paolo Freire . Dieses Jubiläum nehmen wir zum Anlass, sein Werk zu lesen und es in Bezug auf unsere Arbeit in Deutschland zu beleuchten.

Pädagogik der Unterdrückten

Das wohl wichtigste Buch von Paulo Freire war die Pädagogik der Unterdrückten.

Das portugiesische Original (1968) wurde 1970 ins Englische übersetzt und erschien 1971 erstmalig in Deutsch. Obwohl Freiere weltweiten Einfluss als Vordenker der Alphabetisierungsarbeit für Erwachsene genießt, ist sein Werk in Deutschland immer noch wenig bekannt. Die Gründe dafür sind vielfältig, nicht zuletzt, weil man Freire nicht ernsthaft lesen kann, ohne über die politischen Koordinaten der Grundbildungsarbeit in Deutschland nachdenken zu müssen.

Freire war Humanist. Er glaubte an die Würde eines jeden Menschen, an das menschliche Bedürfnis Freiheit und an den emanzipatorischen Auftrag der Erwachsenenbildung. (Kapitel 1) Voraussetzung für eine ermächtigende, wirksame Bildungsarbeit ist, laut Freire, eine dialogische Lernbeziehung (Kapitel 2). Das „Anhäufen von Wissen“ nach einem Bankierskonzept wird kritisch hinterfragt und weicht einer dialogischen Praxis. Im Dialog lernen bedeutet für Freire, gemeinsam lebensbezogene Probleme zu erkunden und zu lösen. Dabei stehen die Interessen des Lernenden im Mittelpunkt. Durch das aktive, dialogische Vorgehen entwickelt sich das kritische Bewusstsein von Lernenden sowie von Lehrenden und nährt eine kreative Imagination von Möglichkeiten.

Dialog als zentrales Element

Ein Kernstück der Arbeit ist das Erkennen, Benennen und Vertiefen von Themen, die für ein selbstbestimmte Leben der Lernenden wichtig sind. So werden sich die Menschen den Grenzen ihrer Lebenswelt bewusst und nehmen die damit verbundenen Widersprüche wahr. Weiterhin ermutigt sie der Dialog, die Welt kritisch zu reflektieren und neue Lösungen zu finden (Kapitel3). Die Alphabetisierung stellt für Freire in diesem Prozess kein eigenes Thema dar, sondern wird immer als Instrument der Teilhabe verstanden. Lerner üben sich an Formularen, weil sie Anträge stellen wollen. Sie lernen zu rechnen, weil sie die Kontrolle über ihr Geld haben wollen. Menschen, deren Alltag von einer Schriftkultur bestimmt wird, sollen Zugang zur Schrift haben, damit sie sich wehren und Umstände verändern können.

Bildung als Praxis der Freiheit

Im letzten Kapitel des Buches (Kapitel 4) weitet Paulo Freire seine Pädagogik auf einen gesellschaftlichen Befreiungsprozess aus. Er beschreibt, wie er sich die kulturelle Ermächtigung der Unterdrückten vorstellt. Wieder steht die dialogische Pädagogik im Mittelpunkt, denn nur durch ehrlichen und kritischen Dialog kann sich das menschliche Bewusstsein entwickeln. Freire war fest davon überzeugt, dass es diesen gesellschaftlichen Dialog braucht, damit die durch Alphabetisierung ermächtigten Lerner sich nicht einfach „weiter oben“ in die bestehenden Strukturen einreihen und zu neuen Unterdrückern werden.

In der Pädagogik der Unterdrückten zelebriert Freire die Fähigkeit der Menschen ihre Probleme zu lösen. Er betont die Kraft der Imagination von einer neuen Gesellschaft, die dort sichtbar wird, wo wir Bewusstseinsbildung und kritischen Dialog einsetzen. Trotz der vielleicht etwas idealisierenden Sprache ist es ein wichtiges Buch für unsere Zeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s