Archiv für den Monat August 2016

Interview mit Ludger Nagel

Ludger Nagel ist Geschäftsführer der Katholischen Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt. Bis 2015 leitete er das Kompetenzgremium Alpha und beriet das Kultusministerium zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung. Derzeit ist er Mitglied der Jury, die entscheidet, welche Grundbildungsprojekte im Land gefördert werden.

Herr NagelFrage 1: Die leo.- Studie hat gezeigt, dass etwa 40% aller Erwachsenen in Deutschland beim Lesen und Schreiben längerer Texte viele Fehler machen, oder sogar ganz überfordert sind. Wie erleben Sie das in Ihrem Arbeitsfeld?

Herr Nagel: In meinem Arbeitsfeld habe ich in der Kommunikation mit den Mitarbeiter_innen sehr viel mit schriftlichen Texten zu tun. Dort erlebe ich keine Einschränkungen hinsichtlich Lese- u. Schreibfähigkeit.

Anders sieht es bei den Kontakten mit Teilnehmenden aus. Hier ist mir – geschärft durch die Beschäftigung mit dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung – in den letzten Jahren schon mehrfach aufgefallen, dass gelegentlich schriftliche Äußerungen vermieden werden.

Frage 2: Wenn Menschen die Schule verlassen und nicht mehr regelmäßig lesen und schreiben, können sie ihre schriftlichen Grundkompetenzen wieder verlieren. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das in Ihrem Umfeld?

Herr Nagel: Zu den Herausforderungen in meinem beruflichen Umfeld habe ich ja in der Frage 1 schon etwas geantwortet. Im privaten Umfeld ist auch durch die Kenntnisse der Leo Level One Studie die Sensibilität dafür gewachsen, dass Menschen, mit denen ich zu tun habe, möglicherweise Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben. Allerdings ist das Milieu, in dem ich mich bewege, eher von Menschen geprägt, die relativ hohe Schulabschlüsse haben. Sie arbeiten in anspruchsvollen Berufen, die mit einer ausgewiesenen Schriftlichkeit einhergehen. Aus diesem Grund sind auch in meinem näheren Umfeld Begegnungen mit Menschen, die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben, eher die Ausnahme.

Frage 3: Die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland möchte alle ermutigen in Sachen Grundbildung fit zu bleiben. Die Dekade endet im Jahre 2025. Was würden Sie gerne bis dahin umsetzen?

Herr Nagel: Durch das Programm im Europäischen Sozialfonds (ESF) hat das Land Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, einige Projekte im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung umzusetzen, zumindest bis zum Jahr 2023, so lange wird die Förderperiode des ESF wohl dauern.

Als Mitglied der Jury, die über die Projektvergabe entscheidet, möchte ich, dass wir eine breite Palette von Ansätzen erproben und insgesamt im Thema Alphabetisierung und Grundbildung einen höheren Bewusstseinsstand bei Verantwortungsträgern im Land erreichen. Dazu zählt im Ergebnis auch, dass das Land Sachsen-Anhalt sich bereit findet, ähnlich wie bei anderen wichtigen bildungspolitischen Vorhaben, eigene Kofinanzierungsmittel bereitzustellen.

Frage 4: Gibt es eine Lernerfahrung, die Ihr Leben besonders bereichert hat?

Herr Nagel: Vielleicht kann ich nicht die eine Erfahrung nennen. Aber insgesamt ist für mein Verständnis von Bildung Erwachsener die Einsicht wichtig geworden und sie bleibt wichtig: „Erwachsene kann man nicht bilden, Erwachsene bilden sich selbst.“  Der Ansatzpunkt für Bildung mit Erwachsenen ist immer die Frage danach, wie ich Bildungsinteresse wecken kann.

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Wer bleibt? Wer geht?

  • Wie sieht die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt aus?
  • Welche Berufe werden in nächsten Jahren verschwinden? Welche bleiben bestehen?
  •  Welche Berufe sind von der Übernahme durch selbstlernende Computer und Maschinen bedroht?

Mit diesen Fragen hat sich eine Studie der Universität Oxford beschäftigt.

Das Ergebnis der Studie zeigt, dass von den 702 ausgewerteten Berufen, ungefähr die Hälfte mit großer  Wahrscheinlichkeit durch Computer ersetzt werden könnten.  Dabei geht es nicht nur um Hilfsjobs oder Berufe in der Industrie. Auch die Arbeit von Lehrern, Altenpflegern und Ärzten wurde unter die Lupe genommen und analysiert. In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Autoren, dass 47% der Arbeitnehmer auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt in den USA von dieser Entwicklung bedroht sind.

Im Februar 2016 thematisierte der australische IT Lernexperte Anthony Goldbloom diese Studie. Er begann seine Präsentation mit der Frage, welchen Rat er seiner kleinen Nichte geben sollte, damit sie eines Tages Arbeit finden wird. Seine Antwort ist erstaunlich.

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Was bedeutet diese Entwicklung für die Bildungsschwerpunkte in unseren Schulen? Was bedeutet sie für Grundbildung in der Arbeitswelt?

Normalität statt Ausnahme

Eine etwas differenziertere Analyse der leo.-Level-One Studie zeigt, dass jeder zehnte Erwerbstätige keine zusammenhängenden Texte lesen kann.  Viele von ihnen üben Hilfstätigkeiten aus. Dadurch entsteht der Eindruck, dass alle Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, kaum berufliche Chancen haben.

Chancenlosigkeit muss aber nicht sein. Wir lesen immer wieder von Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, die aber dennoch im Beruf bestehen. Auch viele „Praktiker“, die unsere Haupt und Realschulen verlassen, könnten in der Berufsausbildung gezielter Unterstützung für ihre Lese- und Schreibschwäche bekommen. Denn seit dem 1. Mai 2015 ist die Möglichkeit der Assistierten Berufsausbildung im SGBIII wirksam.

Die assistierte Ausbildung ist ein Modell einer kooperativen Ausbildung. Ein Bildungsträger bietet als dritter Partner in der Ausbildung allen Seiten passende Dienstleistungen. Berufsvorbereitung und Ausbildung werden verknüpft, die Ausbildung wird flexibilisiert und individualisiert.  Im Ruhrgebiet, zum Beispiel, macht Sascha Krogul nun trotz Lernschwäche eine normale Ausbildung in einem Tief- und Straßenbaubetrieb.

Wie weit man es mit offener und gezielter Unterstützung bringen kann, zeigt die Erfahrung von Professor Tiemo Grimm von der Universität Würzburg. In einem Artikel der FAZ berichtet er über seinen Weg vom Hauptschüler zum Humangenetiker und Spezialist für erbliche Muskelkrankheiten und Biostatistik. Die größten Hürden auf seinem Weg waren die zu schnellen Urteile in der Gesellschaft und im Bildungsbereich. Auch international bekannte Geschäftsleute haben es trotz Lernschwierigkeiten im Beruf gepackt. Tommy Hilfinger und Richard Branson gehören dazu.

Viele berühmte Menschen bekennen sich heutzutage offener zu ihren Problemen mit der Schrift. Da wären Schauspieler wie Tom Cruise, Patrick Dempsey, Whoopi Goldberg oder Jennifer Aniston. Aber auch Musiker (Robbie Williams), Schriftsteller (John Irving) und Politiker (Bodo Ramelow) haben es mit Schrift nicht leicht. Eine Liste von noch mehr Prominenten mit Lese-und Schreibproblemen  gibt es hier.

Photo credit: familymwr via Foter.com / CC BY

 

Wie buchstabiert man LIEBE?

„Wie buchstabiert man Liebe?“ lief diesen Sommer als Film im ARD Fernsehen. Es ist ein Familiendrama aus dem Jahr 2001, bei dem es eben nicht nur um Liebe geht.

Anna  (Suzanne von Borsody) kann kaum Lesen und Schreiben. Dennoch wagt sie sich mit ihren 2 Kindern ins Leben hinaus. Sie verlässt ihren Mann, der sie wegen ihrer Schreibschwäche demütigt und beginnt als Kellnerin zu arbeiten. Da trifft sie den berühmten Schritsteller Tom (Peter Sattmann), und lässt sich nicht von seinem arroganten Gehabe einschüchtern. Tom verliebt sich in Anna und sie lernen sich besser kennen. Dennoch mag sie ihm nicht erzählen, dass sie seine Bücher, Briefe und E-Mails nicht lesen kann.

Für alle, die im Bereich Grundbildung arbeiten, lohnt es sich den Film anzusehen – nicht wegen Anna, sondern wegen Tom. Er zeigt uns nämlich, wie blind und überheblich wir Lesenden sein können. Gerade seine gut gemeinten Vorschläge kommen bei Anna nicht gut an. Sie beschämen und machen es Anna schwer, würdig ihren Weg zu gehen. Arbeitgeber, Behörden, Gerichtsvollstrecker, Rechtanwälte, Volkshochschulen … keiner besteht Annas inneren „Würdetest“.

Der Film ist noch bis zum 7.9.2016 auf der ARD Mediathek zu sehen.

Photo credit: ! T.a.b.ú] via Foter.com – CC BY-ND