Interview mit Ludger Nagel

Ludger Nagel ist Geschäftsführer der Katholischen Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt. Bis 2015 leitete er das Kompetenzgremium Alpha und beriet das Kultusministerium zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung. Derzeit ist er Mitglied der Jury, die entscheidet, welche Grundbildungsprojekte im Land gefördert werden.

Herr NagelFrage 1: Die leo.- Studie hat gezeigt, dass etwa 40% aller Erwachsenen in Deutschland beim Lesen und Schreiben längerer Texte viele Fehler machen, oder sogar ganz überfordert sind. Wie erleben Sie das in Ihrem Arbeitsfeld?

Herr Nagel: In meinem Arbeitsfeld habe ich in der Kommunikation mit den Mitarbeiter_innen sehr viel mit schriftlichen Texten zu tun. Dort erlebe ich keine Einschränkungen hinsichtlich Lese- u. Schreibfähigkeit.

Anders sieht es bei den Kontakten mit Teilnehmenden aus. Hier ist mir – geschärft durch die Beschäftigung mit dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung – in den letzten Jahren schon mehrfach aufgefallen, dass gelegentlich schriftliche Äußerungen vermieden werden.

Frage 2: Wenn Menschen die Schule verlassen und nicht mehr regelmäßig lesen und schreiben, können sie ihre schriftlichen Grundkompetenzen wieder verlieren. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das in Ihrem Umfeld?

Herr Nagel: Zu den Herausforderungen in meinem beruflichen Umfeld habe ich ja in der Frage 1 schon etwas geantwortet. Im privaten Umfeld ist auch durch die Kenntnisse der Leo Level One Studie die Sensibilität dafür gewachsen, dass Menschen, mit denen ich zu tun habe, möglicherweise Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben. Allerdings ist das Milieu, in dem ich mich bewege, eher von Menschen geprägt, die relativ hohe Schulabschlüsse haben. Sie arbeiten in anspruchsvollen Berufen, die mit einer ausgewiesenen Schriftlichkeit einhergehen. Aus diesem Grund sind auch in meinem näheren Umfeld Begegnungen mit Menschen, die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben, eher die Ausnahme.

Frage 3: Die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland möchte alle ermutigen in Sachen Grundbildung fit zu bleiben. Die Dekade endet im Jahre 2025. Was würden Sie gerne bis dahin umsetzen?

Herr Nagel: Durch das Programm im Europäischen Sozialfonds (ESF) hat das Land Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, einige Projekte im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung umzusetzen, zumindest bis zum Jahr 2023, so lange wird die Förderperiode des ESF wohl dauern.

Als Mitglied der Jury, die über die Projektvergabe entscheidet, möchte ich, dass wir eine breite Palette von Ansätzen erproben und insgesamt im Thema Alphabetisierung und Grundbildung einen höheren Bewusstseinsstand bei Verantwortungsträgern im Land erreichen. Dazu zählt im Ergebnis auch, dass das Land Sachsen-Anhalt sich bereit findet, ähnlich wie bei anderen wichtigen bildungspolitischen Vorhaben, eigene Kofinanzierungsmittel bereitzustellen.

Frage 4: Gibt es eine Lernerfahrung, die Ihr Leben besonders bereichert hat?

Herr Nagel: Vielleicht kann ich nicht die eine Erfahrung nennen. Aber insgesamt ist für mein Verständnis von Bildung Erwachsener die Einsicht wichtig geworden und sie bleibt wichtig: „Erwachsene kann man nicht bilden, Erwachsene bilden sich selbst.“  Der Ansatzpunkt für Bildung mit Erwachsenen ist immer die Frage danach, wie ich Bildungsinteresse wecken kann.

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