1€ Job mit Bildung

Laut leo.-Level-One Studie sind Menschen, die längere Zeit nicht in Arbeit waren, mehr von Lese-und Schreibschwierigkeiten betroffen als andere Gruppen. 31,9 % der Arbeitslosen gelten als funktionale Analphabeten. Dazu hinkommt, dass jeder Dritte, der in der Berufsgrundbildung oder Berufsvorbereitung seine einzige berufliche Bildung erwarb, später funktionale/r Analphabet/in ist. Auch hierzu gibt es eine klare Auswertung aus Hamburg.

Diese Zahlen – sowie die rasanten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und der zunehmende Fachkräftemangel in Deutschland – deuten klar daraufhin, dass es verstärkt eine langfristig angelegte Grundbildungskomponente in allen Weiterbildungen und Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit geben muss. Diese sollte sich nicht nur am Lesen und Schreiben orientieren, sondern auch an den Grundkompetenzen, wie sie die EU Skills Guarantee anstrebt. (vgl. unseren Blogbeitrag)

Bislang reagieren Mitarbeiter der Jobcenter sehr verhalten auf diesen Vorschlag. Warum?

  • Selbst wenn sie den Lernbedarf ihrer Kunden kennen, glauben sie, dass die Bundesagentur nicht für Grundbildung zuständig ist, und diese nicht fördern darf. Dabei sind seit 2016 die Bildungsgutscheine und Bildungsprämien für Grundbildung freigegeben. Hinzu kommt die neue Regelung der Förderung von Grundkompetenzen im SGB III, §81, Abs. 3a.
  • Ein weiterer Hinderungsgrund ist die Tatsache, dass Förderung von arbeitsplatzbezogener Grundbildung oft nur nur im Einzelfall gilt – und so werden viele Erwachsene mit Grundbildungsbedarf gar nicht erkannt.

Als BLICKPUNKT alpha denken wir somit verstärkt über Modelle nach, in denen Menschen systematischer und langfristiger „lernend“ bleiben, auch wenn sie in Hilfstätigkeiten angestellt oder gar nicht in Arbeit sind. Dazu gehören z.B. die Vergabe von 1€ Jobs mit konkreter, arbeitsplatzbezogener Grundbildungsschulung oder Jobcentermaßnahmen, mit verpflichtenden Modulen, die Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen auffrischen.

Leider steht in unserer Region diese Arbeit noch sehr in den Anfängen, da der Grundbildungsgedanke für viele Manager noch nicht zukunftsweisend ist. Grundbildung gehört für sie nicht wirklich in den Erwachsenenbereich, und wenn ja, dann nur als „Nachholbildung“ an die VHS. Was müsste passieren, damit hier eine Veränderung möglich wird?

Photo credit: Foter.com

Wer kann die Kode knacken?

Wenn wir Grundbildung an Inhalten oder Fähigkeiten festmachen, laufen wir die Gefahr mit Listen zu arbeiten, die zunehmend schnell veraltet sind. Auch die von der EU definierten Grundkompetenzen halten den schnellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht stand.

Eine zukunftsfähige Definition von Grundbildung für Erwachsene sollte daher

  • eine nötige Basis für lebenslanges Lernen bieten,
  • kontextspezifische Lernbedarfe berücksichtigen, und
  • die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen im Blick haben.

Hier scheint uns ein  metakognitive Ansatz hilfreich. Er besagt, Teilhabe sei nur möglich, wenn wir die Fähigkeit haben, Informationen zur Lebenswelt zu dekodieren. In literalen Gesellschaften begegnen wir diesen Informationen hauptsächlich als Text, Bild oder Zahl, die in ein kodiertes System eingebunden sind. Die Dekodierung (sprich mentale Verarbeitung) von relevanten Information liegt allen Systemen zugrunde und ist somit die grundlegende Kulturtechnik im Teilhabeprozess.

Wenn wir Grundbildung auf einer Meta-Ebene als „Kode knacken“ verstehen, wird sie Zeit- und Kontext unabhängig. Sie steht über bestimmten Inhalten und Fähigkeiten, kann aber an allen erlernt werden. Sie ist der metakognitiver Denk-und Lösungsprozess, den wir in einem speziellen Kurs erlernen, dann aber in verschiedene Kontexte transferieren und dort anwenden können. So wird die Selbstwirksamkeit des Einzelnen gestärkt, lernend „am Ball“ zu bleiben und viele andere Veränderungen zu meistern.

Die wichtigsten Kode, die zuerst zu knacken sind, sind: Schrift, Zahlen- und Bildsysteme, Internet. Andere Prioritäten, wie z.B. Leitsysteme in Einrichtungen verstehen, am PC Arbeitsvorgänge dokumentieren oder Finanzen online managen, ergeben sich aus den unterschiedlichen Lebenswelten.

Grundbildung als „Kode-knacken“ meint mehr als die Vermittlung von Grundschulfähigkeiten. Sie setzt eine neue, flexible Methodik voraus, die eine meta-kognitive Ebene explizit benennt und sie zur Bewältigung des Alltags benutzt. Lernziel in der Grundbildung ist also nicht mehr bestimmte Inhalte zu beherrschen. Es geht eher darum, Strategien zur Erschließung dieser Inhalte zu kennen und ihren Transfer in die Lebenswelt einzuüben.

Photo credit: Foter.com

Was möchte die Dekade erreichen?

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung hat ihr Arbeitsprogramm veröffentlicht. Dieses Arbeitsprogramm soll zeigen, was wir unternehmen können, um die Lese-und Schreibkompetenzen Erwachsener in Deutschland zu verbessern. Das bedeutet konkret:

  • Zum Thema informieren.
  • Durch Öffentlichkeitsarbeit eine Nachfrage für Grundbildung generieren.
  • Grundbildung für Erwachsene  in die Fläche tragen.
  • Lernangebote für Erwachsene optimieren.
  • Korrektes und aktuelles Wissen über Grundbildung im Erwachsenenalter herstellen.
  • Die Qualität des Unterrichts verbessern.
  • Flexible Strukturen für Grundbildung schaffen und entwickeln.

Foto: mark-1577991_1920 pixabay

Sprache in ihrer ganzen Vielfalt

Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden zeigt derzeit die Sonderausstellung Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten. Hier wird Sprache in mehreren Dimensionen greifbar – durch Mimik und Gestik, durch Hören und Sprechen, durch Schreiben.

Dokumente, Filme und andere Exponate werden in 4 Ausstellungsräumen präsentiert:

  1. Homo loquens – Wie wir Menschen zur Sprache kommen
  2. Denkbewegungen – Sinn und Sinnlichkeit unserer Sprache
  3. Redehandwerk – Macht und Magie der Sprache
  4. Sprachheimat(en) – Zugehörigkeit und Selbstbestimmung

dhmdDabei bietet die Ausstellung vielfältige praktische und kreative Möglichkeiten, Sprache zu erforschen und auszuprobieren.

Das Besondere: Neben Videos in Gebärdensprache gibt es auch Lese- und Hörtexte in Leichter Sprache, welche die wichtigsten Aspekte in den Ausstellungsräumen präsentieren und erklären. Über die Website des Museums können Informationen zur Ausstellung in Leichter Sprache abgerufen werden.

Das Deutsche Hygiene-Museum zeigt anschaulich, welche Funktion Leichte Sprache hat, und was Leichte Sprache leisten kann. Diese Form der Vermittlung nimmt die Besucher in ihrer ganzen Vielfältigkeit in den Blick – und das barrierefrei und ganz selbstverständlich. Denn als zusätzliches Angebot ist es gleichberechtigt neben den anderen Informationskanälen in das Ausstellungskonzept integriert. Eine gelungene Umsetzung und damit beispielhaft für Projekte und Aktionen anderer Museen und Kultureinrichtungen.

Die Ausstellung wird noch bis zum 20. August 2017 in Dresden gezeigt.

Foto-Quelle: Deutsches Hygiene-Museum

Eine klare Ansage

Irland ist das erste Land weltweit, das seine Energiekonzerne verpflichtet hat, die Kundenkommunikation barrierefrei zu gestalten.

Den Anstoß gab eine Richtlinie der Europäischen Union. Sie sollte den Kundenservice der Energiebranche verbessern – für möglichst alle Nutzer: Für Menschen mit geringer (Schrift-)Sprachkompetenz, für Senioren, für Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen ohne Einschränkungen gleichermaßen.

Unterstützung gab es vom „Centre for Excellence in Universal Design“, einer irischen Behörde, die sich mit einem internationalen Gestaltungskonzept beschäftigt, das verschiedene Lebensbereiche für alle Menschen nutzbar machen soll. Die Energiebranche ist jetzt der erste irische Sektor, für den die Anwendung dieses Gestaltungskonzepts gesetzlich verankert wurde.

Die Energiekonzerne überarbeiten nunmehr ihre Dienstleistungen nach dem Standard der Richtlinie. Das bedeutet: Barrierefreier Schriftverkehr unter Verwendung einer klaren, einfachen Sprache ohne Fachbegriffe, die Einrichtung eines effizienten Anrufverteilers und eine Website, die auf den Nutzer ausgerichtet ist mit praktischen Hilfen beim Orientieren, Informieren und Navigieren.

Hier unterstützt Politik sinnhaft, gezielt und nachhaltig. Daumen hoch für ein gelungenes Beispiel, das Nachahmer sucht – also vielleicht auch bald in Deutschland?

Foto-Quelle: Universal Design Ireland

Warum Grundbildung?

Mit dem Beginn der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung besteht kein Zweifel, dass Grundbildung für Erwachsene in Deutschland als wichtiges Bildungsthema erkannt wurde. Auf der einen Seite machte die Veröffentlichung der leo.-Level 1 Studie deutlich, wie viele Menschen auf Grund ihrer fehlenden Schriftkompetenzen in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite bringen die rasanten Veränderungen in der modernen Wissensgesellschaft immer neue Anforderungen an alle Menschen heran. Schon fast 40% der erwachsenen Bevölkerung sind laut leo.- Studie mit den Komplexitäten des heute üblichen Schriftverkehrs überfordert. Aber auch für die restlichen 60% ist die kontinuierliche Entwicklung ihres Wissens und Fähigkeiten eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt.

Es wäre daher kurzsichtig, Grundbildung für Erwachsene (nur) als „Nachholbildung“ für eine Randgruppe in der Gesellschaft zu verstehen. Der große und stete Bedarf an Grundbildung ist dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft geschuldet, der unser soziales Erleben zunehmend fragmentiert, aber auch (paradoxerweise) globalisiert. Wenn Erwachsene aktiv und selbstbestimmt mit dieser Dynamik umgehen sollen, brauchen sie formale und informelle Lernorte, in denen sie befähigt werden, die vielfältigen Veränderungen aufzugreifen und als neue Chancen für sich und ihr Umfeld zu nutzen. Zukunftsorientierte Grund-Bildung sollte somit den Blick nicht in erster Linie auf die defizitäre Bildungs-Grundlage richten, sondern auf den veränderten Kompetenzbedarf, d.h. auf den aktuellen Grund-für-Bildung.

Grundbildung ist also kein feststehend definierter Begriff. Er muss dynamisch verstanden werden. Dynamisch wird er aber erst, wenn er die lebenslange Bildung von Erwachsenen nicht in erster Linie inhaltlich oder institutionell festmacht, sondern sich lebensbegleitend sowohl wirtschaftlich als auch kulturell definiert. Dynamische Grundbildung kommt einer steten Lern-Bewegung gleich. Für eine zukunftsorientierte Grundbildung brauchen wir somit in unseren Kommunen vor allen Dingen eine öffentliche Kultur des Lernens, die allen Bürgern, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in Bewegung zu bleiben, ihre Talente zu entdecken und sich weiter zu entwickeln. Die Verantwortung liegt bei den Kommunen sich selbst als wandelbares Gefüge zu verstehen, das zum Lernen Mut macht, unkomplizierte und sinnvolle Bildungswege aufzeigt und Zugänge schafft.

Der stete Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ist ein wichtiger Grund, der für eine flächendeckende Grundbildung für Erwachsene in unseren Kommunen spricht. Ein zweiter Grund ist die politische Stabilität unserer Kommunen, die von einer mündigen Teilhabe der Bürger abhängig sind. Obwohl der politische Aspekt der Grundbildungsarbeit selten explizit formuliert ist, ist die grundsätzliche Verknüpfung von gesellschaftlicher Teilhabe und Grundbildung in den Werten der demokratischen Gesellschaft verankert. Wer Demokratie will, muss immer etwas dafür tun.