Macht es noch Sinn?

In dem aktuellen Bildungsbericht der Kultusminister-Konferenz wird deutlich, dass „Bildung“ ein neues Konzept sucht.

„Die Bildungsinstitutionen selbst sollten ebenso in den Blick genommen werden. Ziel muss es sein, diese gemeinsam mit den Beteiligten zu angemessenen, entwicklungsfähigen, zukunftsorientierten und zugleich nichtseparierenden Lernumwelten weiterzuentwickeln. Die Institutionen selbst müssen in ihren Strukturen insoweit offen sein, dass sie zukünftigen Anforderungen entsprechen können – z. B. hinsichtlich der zunehmenden Digitalisierung als Herausforderung und Chance. Bildungsinstitutionen und Bildungsangebote sind zugleich so zu gestalten, dass sie verstärkt als Orte der Kooperation geplant, eingerichtet und wahrgenommen werden und zunehmend flexibel agieren können. Dies beginnt bei der multifunktionalen Nutzung der jeweiligen Räumlichkeiten als „Zentren des Lernens“. Es schließt auch ein, Bildungsangebote unterschiedlicher Art und von unterschiedlichen Trägern lokal zu verknüpfen und zu vernetzen.“ (Bildung in Deutschland 2018, S. 34, „Herausforderungen“).

Begriffe wie Kooperation, flexibel, zukunftsorientiert und offen sprengen die Strukturen, in denen derzeit Bildung geplant, finanziert und durchgeführt wird. Dennoch ist es deutlich, dass Menschen, die sich langfristig an der gesellschaftlichen Entwicklung aktiv beteiligen wollen, im digitalen Zeitalter dauerhaft lernen müssen.

Anja Wagner warnt in ihrem Newsletter vom 15.Juli 2018, dass die Idee, netzwerkende, lebenslange Lernräume zu schaffen, uns nicht von unserem lähmenden Bildungsdünkel befreit:

„Die grundsätzliche Ausrichtung entlang institutioneller Träger wird dabei nicht in Frage gestellt, sondern man orientiert sich in der Argumentation an der tatsächlichen oder sollen wir lieber sagen: vermeintlichen Nachfrage. Denn die Nachfrage orientiert sich ja an der kulturellen Hegemonie, also was der Mainstream denkt, wie man sich bzw. seine Kinder bildungs-technisch aufstellen müsste… Und diese Gedanken sind nun mal nicht wissenschaftlich fundiert, sondern entsprechen eher dem Stammtisch-Denken, wie es in den Talkshows praktiziert wird.“

In der Tat zeigt der Bildungsbericht (vgl. S. 376) wie groß die Herausforderung ist, das lebenslange Lernen als Konzept in der Erwachsenenbildung sinnvoll zu verankern. Seit 2012 ist die Weiterbildungsquote nicht gestiegen, obwohl wir zunehmend in einer Bildungsgesellschaft leben. Aber selbst die mageren 50%, die sich überhaupt weiterbilden, versprechen sich nicht viel davon. (Klicken Sie die Tabelle an, um sie zu vergrößern. Der Blick in die Zahlen lohnt sich!)

Das bedeutet konkret, dass wir keine Grundbildungsstrategie durchsetzen können, wenn wir nicht die derzeitige Haltung von Menschen zum Lernen thematisieren. Dazu gehört auch die Vorstellung als Gesellschaft Erwachsenenbildung „nicht nötig“ zu haben. Was nutzen gute Konzepte, Angebote, Strukturen und Werbung, wenn einzelne Bürger – egal aus welchen Umständen sie kommen – so anspruchslos bleiben?

Fotos: Pixabay.de, Bildungsbericht 2018

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Naumburg ist Welterbe!

Der Naumburger Dom in Sachsen-Anhalt ist Anfang Juli in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden. Laut Medienberichten würdigte das Welterbekomitee mit seiner Entscheidung die künstlerischen Qualitäten des Doms. Der Naumburger Dom sei ein „Meisterwerk menschlicher Schöpferkraft“ und gebe einen Einblick in Kunst, Architektur und Technologie seiner Zeit. Besonders wichtig ist dabei die einzigartige Arbeit des Naumburger Meisters . Mit ihrer zeitlosen Emotionalität locken Stifterfiguren wie Reglindis und Uta heute noch viele Besucher in den Dom.

Weniger beachtet, aber weitaus revolutionärer, ist für uns die Darstellung der biblischen Geschichte am Westlettner des Doms. Für gewöhnliche Menschen, die weder Latein verstehen noch lesen konnten, übersetzte der Naumburger Meister auf geniale Weise die Bibel in die Sprache des Volkes. Ganz unabhängig von der Interpretation der Kirche konnten sich die Naumburger – mit Hilfe der Reliefs am Lettner – selber ein Bild von der „Wahrheit“ der Leidensgeschichte Christi machen. Wie in einem modernen Cartoon wird in den Steinbildern des Meisters eine mitreißende Geschichte von von Freundschaft, Verrat, Gewalt und Hoffnung erzählt.

Grundbildung und Teilhabe sind auch heute noch Anliegen im Naumburger Dom. Ganz nach der Tradition des Naumburger Meisters sollen Sprache und Schrift keine Barriere sein. Gemeinsam mit Blickpunkt alpha und dem Caritas Behindertenwerk in Osterfeld ist schon 2017 eine Führung in leichter Sprache entstanden. Auch eine Broschüre über den Dom in leichter Sprache wurde entwickelt.

Mit dem Welterbetitel haben wir, laut Landrat Götz Ulrich, die Aufgabe die einzigartige Kostbarkeit des Doms nicht nur für Touristen, sondern auch für alle Bürger des Landkreises greifbar und erlebbar zu machen. Das ist eine Grundbildungsaufgabe, die uns weiterhin viel Freude machen wird!

Wer sich heute schon auf den Weg machen möchte, kann mit einer virtuellen Tour starten. Sie beginnt hier.

Fotos: Die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz und Blickpunkt alpha

Gemeinsam Zukunft schreiben

Am 30.05.2018 veranstaltete das Projekt Blickpunkt alpha im Konrad-Martin-Haus seinen fünften Fachtag. Unter dem Titel „Gemeinsam Zukunft schreiben“ kamen zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Bereich Alphabetisierung und Grundbildung zu einem fachlichen Austausch zusammen.

Die gemeinsamen Gespräche richteten sich auf den „Lernort Leben“. Was bedeutet Lernen im Leben im Gegensatz zu Lernen in der Schule oder Lernen im Kurs? Welche Angebote unterstützen Erwachsene konkret, um im Leben lernen zu können? Welche Partner und Netzwerke braucht es dafür?

Der fachliche Beitrag von Heike Kölln-Prisner, Zentrum für Grundbildung der Volkshochschule Hamburg, bot eine Vielzahl von Eindrücken und Erfahrungen, wie Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten Unterstützung finden, um ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Die Teilnehmenden des Fachtags erhielten viele Impulse und neue Ideen für ihren eigenen Wirkungskreis. Entscheidend war die Einsicht, dass beim „Lernort Leben“ immer die würdige Teilhabe des Einzelnen im Mittelpunkt steht.

Im anschließenden Podium diskutierten Leiter regionaler Projekte über strukturelle Schwierigkeiten und finanzielle Herausforderungen in der Grundbildungsarbeit. So lange sich Grundbildung in Sachsen-Anhalt nur über ESF-Projekte finanziert, ist es sehr schwierig langfristige und nachhaltige Strategien zu entwickeln, die kommunale Grundbildung „im Leben“ verankern.

Lerner-Experten trugen in der offenen Diskussionsrunde sehr aktiv zum Gespräch bei. Sie fragten zu Recht, warum so wenig von dem Geld, das für die Dekade zur Verfügung steht, vor Ort, „im Leben“ ankommt. Während es für jedes Projekt feste Verwaltungsstellen gibt, sind die meisten Lehrkräfte auf Honorarbasis angestellt und unterbezahlt. Es muss einen Perspektivwechsel geben, so dass Grundbildung vom Leben her gedacht und geplant werden kann.

Der Austausch setzte sich in den Workshops am Nachmittag fort. Der erste Workshop zum Thema „Grundbildung geht uns alle an!“ (Leitung: Dr. Gisela Winkler, Projekt Blickpunkt alpha) legte den Fokus auf die Grundkompetenzen der Zukunft: Im digitalen Zeitalter gestaltet sich das Lernen nicht mehr linear, sondern flexibel und vernetzt. Der Lernbedarf kommt aus dem Leben und für Bildungsangebote reicht daher eine vorgegebene Kursstruktur nicht aus. Kursleiter müssen zu Lernbegleitern werden, die im Dialog mit Lernenden individuelle, multimediale Lernpfade konzipieren und begleiten können. Für einen Dialog auf Augenhöhe sind vor allem zwischenmenschliche Fähigkeiten gefragt, die nicht von Schriftkompetenzen abhängig sind.

Im zweiten Workshop zum Thema „Lernen im Leben!“ (Leitung: Heike Kölln-Prisner, Volkshochschule Hamburg) wurde insbesondere die Entwicklung von Selbsthilfe-Strukturen in den Blick genommen. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass Grundbildungsangebote so gestaltet sein müssen, dass sie die Persönlichkeit des Einzelnen entwickeln und stärken. Auch verlässliche Partner und Verbündete vor Ort sind für die Angebotsentwicklung unerlässlich.

 

Der nächste regionale Fachtag findet im Mai 2019 statt.

Foto: Pixabay. Blickpunkt alpha

Alle machen mit!

Worum geht es bei Family Literacy?

Es geht um die Förderung von Sprachkompetenzen und Schrifterfahrungen in Familien,

Bei Kindern:

  • Basisfähigkeiten in Vorbereitung für das Lesen und Schreiben werden geübt.
  • Die kognitiven „versteckten“ Lesebausteine werden entwickelt und geübt.
  • Lesefreude und Vertrautheit mit Büchern wird unterstützt.
  • Die Beziehung zu den Eltern wird durch das gemeinsame Erleben gestärkt.

Bei Eltern:

  • Basisfähigkeiten bei der Unterstützung der Kinder zum Lernerfolg werden geübt.
  • Die Aufmerksamkeit für die kognitiven „versteckten“ Lesebausteine wird erhöht und geübt.
  • Die Vertrautheit mit den Erwartungen der Bildungseinrichtung wird unterstützt.
  • Die Beziehung zu den Kindern wird durch das gemeinsame Erleben gestärkt.
  • Eine neue Öffnung für das eigene Lernen wird möglich.

 

An wen richtet sich ein Familiy Literacy Angebot?

Ein gutes Family Literacy Angebot richtet sich an alle Eltern. Für alle Eltern ist es eine Herausforderung ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen und es gibt sehr viele Eltern, die sich nicht trauen zu fragen. Je gelassener Eltern angesprochen und eingebunden werden, desto hilfreicher ist das Angebot.

Für Eltern, die es selber in der Schule schwer hatten, ist das Angebot noch einmal eine besondere Chance, ihren Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Diese Eltern melden sich oft nicht freiwillig, weil sie „nichts Gutes“ erwarten. Die Erfahrung zeigt, dass eine direkte, freundliche Einladung und ein positives gemeinsames Erlebnis mit dem Kind mehr überzeugen als das beste Argument.

Was muss eine KITA oder eine Grundschule leisten, wenn sie ein Family Literacy Angebot machen möchte?

  • Mindestens 2 Mitarbeitende für das Konzept gewinnen, die sich in dem Thema schlau machen und bereit sind neue Methoden auszuprobieren.
  • Zeit und Räume einplanen für die Arbeit mit Eltern und Kindern
  • Zeit und Räume einplanen für die Themenarbeit mit Eltern und Gespräche
  • Gemeinsame außerschulische Aktivitäten ermöglichen

Eine KITA muss nicht unbedingt mehr Geld, Raum und Zeit für diese Arbeit haben. Wichtig ist es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das bedeutet vor allem, bestehende Ressourcen (z.B. Elterncafe´, Ausflugsbudget) mit dem „Mehrwert“ Literacy zu nutzen. Wenn bestehende Netzwerkpartner, wie „Lesepaten“ oder „Elternbegleiter“ mit ins Boot geholt werden, kann ein Family Literacy Projekt langfristig Mitarbeitende an der Einrichtung entlasten. Family Literacy bedeutet nicht unbedingt mehr, sondern anders!

Zwei erfolgreiche Family Literacy Ansätze in Deutschland sind das FLY Projekt Hamburg und das Fam.Lit Projekt in Oldenburg.