Wer bleibt? Wer geht?

  • Wie sieht die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt aus?
  • Welche Berufe werden in nächsten Jahren verschwinden? Welche bleiben bestehen?
  •  Welche Berufe sind von der Übernahme durch selbstlernende Computer und Maschinen bedroht?

Mit diesen Fragen hat sich eine Studie der Universität Oxford beschäftigt.

Das Ergebnis der Studie zeigt, dass von den 702 ausgewerteten Berufen, ungefähr die Hälfte mit großer  Wahrscheinlichkeit durch Computer ersetzt werden könnten.  Dabei geht es nicht nur um Hilfsjobs oder Berufe in der Industrie. Auch die Arbeit von Lehrern, Altenpflegern und Ärzten wurde unter die Lupe genommen und analysiert. In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Autoren, dass 47% der Arbeitnehmer auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt in den USA von dieser Entwicklung bedroht sind.

Im Februar 2016 thematisierte der australische IT Lernexperte Anthony Goldbloom diese Studie. Er begann seine Präsentation mit der Frage, welchen Rat er seiner kleinen Nichte geben sollte, damit sie eines Tages Arbeit finden wird. Seine Antwort ist erstaunlich.

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Was bedeutet diese Entwicklung für die Bildungsschwerpunkte in unseren Schulen? Was bedeutet sie für Grundbildung in der Arbeitswelt?

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Normalität statt Ausnahme

Eine etwas differenziertere Analyse der leo.-Level-One Studie zeigt, dass jeder zehnte Erwerbstätige keine zusammenhängenden Texte lesen kann.  Viele von ihnen üben Hilfstätigkeiten aus. Dadurch entsteht der Eindruck, dass alle Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, kaum berufliche Chancen haben.

Chancenlosigkeit muss aber nicht sein. Wir lesen immer wieder von Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, die aber dennoch im Beruf bestehen. Auch viele „Praktiker“, die unsere Haupt und Realschulen verlassen, könnten in der Berufsausbildung gezielter Unterstützung für ihre Lese- und Schreibschwäche bekommen. Denn seit dem 1. Mai 2015 ist die Möglichkeit der Assistierten Berufsausbildung im SGBIII wirksam.

Die assistierte Ausbildung ist ein Modell einer kooperativen Ausbildung. Ein Bildungsträger bietet als dritter Partner in der Ausbildung allen Seiten passende Dienstleistungen. Berufsvorbereitung und Ausbildung werden verknüpft, die Ausbildung wird flexibilisiert und individualisiert.  Im Ruhrgebiet, zum Beispiel, macht Sascha Krogul nun trotz Lernschwäche eine normale Ausbildung in einem Tief- und Straßenbaubetrieb.

Wie weit man es mit offener und gezielter Unterstützung bringen kann, zeigt die Erfahrung von Professor Tiemo Grimm von der Universität Würzburg. In einem Artikel der FAZ berichtet er über seinen Weg vom Hauptschüler zum Humangenetiker und Spezialist für erbliche Muskelkrankheiten und Biostatistik. Die größten Hürden auf seinem Weg waren die zu schnellen Urteile in der Gesellschaft und im Bildungsbereich. Auch international bekannte Geschäftsleute haben es trotz Lernschwierigkeiten im Beruf gepackt. Tommy Hilfinger und Richard Branson gehören dazu.

Viele berühmte Menschen bekennen sich heutzutage offener zu ihren Problemen mit der Schrift. Da wären Schauspieler wie Tom Cruise, Patrick Dempsey, Whoopi Goldberg oder Jennifer Aniston. Aber auch Musiker (Robbie Williams), Schriftsteller (John Irving) und Politiker (Bodo Ramelow) haben es mit Schrift nicht leicht. Eine Liste von noch mehr Prominenten mit Lese-und Schreibproblemen  gibt es hier.

Photo credit: familymwr via Foter.com / CC BY

 

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Wie buchstabiert man LIEBE?

„Wie buchstabiert man Liebe?“ lief diesen Sommer als Film im ARD Fernsehen. Es ist ein Familiendrama aus dem Jahr 2001, bei dem es eben nicht nur um Liebe geht.

Anna  (Suzanne von Borsody) kann kaum Lesen und Schreiben. Dennoch wagt sie sich mit ihren 2 Kindern ins Leben hinaus. Sie verlässt ihren Mann, der sie wegen ihrer Schreibschwäche demütigt und beginnt als Kellnerin zu arbeiten. Da trifft sie den berühmten Schritsteller Tom (Peter Sattmann), und lässt sich nicht von seinem arroganten Gehabe einschüchtern. Tom verliebt sich in Anna und sie lernen sich besser kennen. Dennoch mag sie ihm nicht erzählen, dass sie seine Bücher, Briefe und E-Mails nicht lesen kann.

Für alle, die im Bereich Grundbildung arbeiten, lohnt es sich den Film anzusehen – nicht wegen Anna, sondern wegen Tom. Er zeigt uns nämlich, wie blind und überheblich wir Lesenden sein können. Gerade seine gut gemeinten Vorschläge kommen bei Anna nicht gut an. Sie beschämen und machen es Anna schwer, würdig ihren Weg zu gehen. Arbeitgeber, Behörden, Gerichtsvollstrecker, Rechtanwälte, Volkshochschulen … keiner besteht Annas inneren „Würdetest“.

Der Film ist noch bis zum 7.9.2016 auf der ARD Mediathek zu sehen.

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Einfache Sprache – gar nicht so leicht!

In Sachsen-Anhalt wollen wir uns stärker für den Gebrauch von einfacher Sprache einsetzen. Dazu haben wir auf diesem Blog schon Beiträge veröffentlicht, die in der Kategorie Leichte Sprache zu sehen sind. Es gibt leider viele Menschen, die meinen, mit einfacher Sprache würde wichtige Information verloren gehen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Einfache Sprache konzentriert sich auf die wichtigsten Aussagen, und lässt alle umständlichen Nebeninformationen weg.

Hier ist ein Beispiel dafür, wie einfache Sprache in der politischen Grundbildung für die Bundestagswahl eingesetzt werden kann.

Wer sich einfacher ausdrücken möchte, muss genau wissen was Sache ist. Es ist auch hilfreich klare kurze Beispiele zu bringen. Wenn uns selber keine gute Formulierung einfällt, nutzen wir das Huraki Wörterbuch für leichte Sprache. Dort werden viele Themen einfach und klar erklärt. Das Wörterbuch ist online, kostenlos und immer aktuell.

 

 

 

 

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Alternativ und Offen

In Sachsen-Anhalt werden Grundbildungsprojekte gefördert, die neue Lern-und Lehrerfahrungen, sowie neue Möglichkeiten der Ansprache entwickeln. (Mehr Information zu den Förderrichtlinien gibt es hier). Unklar jedoch ist, was „neu“ bedeutet. Andere Formulierungen, die in Bildungskreisen als Schlagwörter genutzt werden sind alternative Lernformen, offene Angebote, lebensnahes Lernen.  Auch diese helfen nur bedingt weiter: Alternativen zu was? Offen für wen? An welchem Leben orientiert?

Genau genommen sind alle Formulierungen eine implizite Reaktion auf schulisches Lernen. Dieses findet traditionell in festen, geschlossenen Kursstrukturen statt und orientiert sich an Inhalten und nicht an den Bedürfnissen der Lernenden. Erwachsene, die wieder mit dem Lernen anfangen, wollen meist nicht in diese Enge zurück.

Achim Scholz von der VHS Oldenburg hat Lernende aus Alphabetisierungskursen gefragt, wie sie sich ihren idealen Lernort vorstellen. Die Ergebnisse dieser Befragung hat er im Alfa-Forum, Nr 67 veröffentlicht. Gute Lernorte brauchen

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  • einen schönen, ansprechenden Raum
  • helles warmes Licht
  • eine unterstützende, vertrauliche Atmosphäre
  • ein informelles, flexibles Angebot.

Viele Lernende suchen einen sicheren Ort in dem sie die negativen Lernerfahrungen aus der Schule überwinden können. Sie wollen sich  wohlfühlen. Es soll gemütlich, entspannend, locker sein.

Unsere eigenen Erfahrungen im Lesecafé Naumburg (offenes Angebot) und mit den Sprachpatenschaften für Zugewanderte (online Lerntreffs als alternative Lernform) haben diese Aussagen bestätigt. Hinzu kommt die Erfahrung, dass die verbindliche Beziehung zur Leitung des Lernangebots wesentlich ist.

  • Offen und doch vertraulich
  • Flexibel und doch verbindlich
  • Informell und doch klar strukturiert und zielorientiert

Damit birgt der Wunsch nach alternativen, offenen Angeboten eine Spannung, die sich im klassischen Kurssystem der Volkshochschulen nur schwer auflösen lässt.

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Fachchinesisch hilft nicht weiter!

Gesagt, aber nicht getan!

Die Mehrheit der Deutschen liest auf Sprachniveau B1 oder niedriger. Das nennen wir ’normales Deutsch‘. Trotzdem schreiben die meisten Betriebe und Behörden ihre Texte auf dem höheren Sprachniveau C1. Das entspricht dem, was auf der Fachhochschule vorausgesetzt wird.

Das soll sich nun ändern. Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat schon im Juli 2013 beschlossen, „einfache Sprache“ populär zu machen und eigene Publikationen dafür zu nutzen (Drucksache 6/2250).

Drei Jahre später, im Juni 2016, fragten wir nach,  welche Publikationen in einfacher Sprache inzwischen zugänglich sind. Uns wurde daruafhin mitgeteilt, ein solches Angebot halte der Landtag derzeit nicht vor. Perspektivisch soll es dies aber geben. Erste Planungen und Überlegungen dazu gäbe es bereits.

Wann mit einer konkreten zeitlichen Umsetzung zu rechnen sein wird, konnte man uns aufgrund des derzeitigen Planungsstandes nicht mitteilen.

Gesagt, aber nicht getan! Wenn wir wirklich wollen, dass alle verstehen, was Politiker und Behörden sagen, müssen wir Texte in einfacher Sprache einfordern. Von alleine passiert sonst nicht viel.

Photo credit:Peter Zuco via DesignHunt / CC BY-SA chinesisch