Bildung ist kein Selbstzweck, sondern muss die Lernenden dazu befähigen, ihr Leben in Würde zu meistern.

Sylvia Schmitt, DVV

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Wenn dort – warum nicht hier?

In unserem Fernsehbeitrag zum Weltalphabetisierungstag  sagen wir sehr deutlich, dass etwa 40% der Erwachsenen in Deutschland auf Grundschulniveau lesen und schreiben. Auch in anderen Staaten Europas geht man davon aus, dass fast  die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung mit längeren Texten überfordert ist. Daher hat die Europäische Union eine länderübergreifende Bildungsinitiative vorgeschlagen. In Deutschland ist sie 2016 unter dem Stichwort „Weiterbildungspfade“ aufgenommen worden.

In Neuseeland geht man offener und entspannter mit der Problematik um. Auch dort schätzt man, dass 40% der erwerbstätigen Menschen nicht ausreichend lesen und schreiben können. Die Neuseeländer jedoch entwerfen keine komplexen Richtlinien oder Programme. Sie schreiten effektiv zur Tat. Das „Schulhaus“ wird  dank der neuen Medien mobil gemacht und auch in die kleinsten Dörfer gebracht. Die wichtigstem Partner in der neuseeländischen Bildungsoffensive sind die Arbeitgeber. Mit prägnanten, klaren Sätzen werden sie mobilisiert.  Hier ist eine kurze Argumentationskette aus dem arbeitsplatzbezogenen Bildungsbereich:

4 Gründe, warum Arbeitgeber etwas für die Grundbildung ihrer Angestellten tun möchten:

  • Besseres Lesen, Schreiben und Rechnen nützt jedem Arbeitgeber. Fehler kosten Geld.
  • Die Investition in Lernprogramme ist eine Investition in Wachstum und Loyalität vor Ort.
  • Mehr Flexibilität mit der Schriftsprache bedeutet mehr Flexibiltät in jedem Aufgabenbereich
  • Lesen, Schreiben, Rechnen: Der Nachwuchs in unseren Betrieben wird gesichert und einem Fachkräftemangel vorgebeugt.

Mit einem flexiblen, kostengünstigen, online Basic-Skills-Programm können sich auch die kleinsten Betriebe diese Bildungsoffensive leisten. Auch in Deutschland haben wir diese Ressourcen. Mit dem Lernportal des DVV könnten alle kostengünstig lernen. Aber noch tun wir uns schwer, unsere Grundbilungspartner selbstwirksam und mobil zu denken. Schade eigentlich. Wenn es dort klappt, warum nicht hier?

Foto: pixelio.de

Grundbildung 4.0

Der Begriff Bildung 4.0 wird damit erklärt, dass wir es derzeit mit der vierten Industriellen Revolution zu tun haben – nach den industriellen Revolutionen

  • (1) durch Einführung mechanischer Produktionsanlagen (Ende 18. Jh.),
  • (2) durch Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion (Ende 19. Jh.) und
  • (3) nach der Automatisierung durch IT und Elektronik (70er Jahre des 20. Jahrhunderts).

Mit den ersten beiden Revulotionen entstand die Schulform, wie wir sie heute noch kennen – kleine „Bildungsfabriken“, in denen den Kindern das Wissen von den Lehrern „eingetrichtert“ wurde, damit sie für ihren vorbestimmten Arbeitsplatz tauglich werden. Das Bildungssystem hatte weiterhin die Aufgabe kulturelles und personelles Kapital in ökonomisches Kapital umzuwandeln – sprich Fachkräfte zu schaffen, die mit einer zuverlässigen, fleißigen Arbeitsethik das Wirtschaftswunder Deutschland ermöglichen. Auch die sozialen Ungleichheiten, die durch dieses Bildungssystem entstanden, waren für Wachstum der Wirtschaft unabdingbar und wurden durch die 3 Säulen der Bildung  scheinbar normalisiert.

Die Automatisierung der 70er Jahre hat zu einem Boom in Verwaltungsprozessen geführt, aber wenig in den Schulen geändert. Es gab eine neue „moderne“ Raumausstattung mit Computer, aber nicht unbedingt ein neues Bildungskonzept.

Das soll sich mit Bildung 4.0 nun ändern. Ein neues Konzept muss her – gerade in der Erwachsenenbildung, die ja die allgemeine Kompetenz der Bürger des Landes verantworten soll. Schon letztes Jahr berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass die Digitalisierung der Wissenswelt unbedingt eine neue Didaktik braucht. Das Vermitteln von Information wird in der Bildung 4.0 zunehmend von einer hierarchischen  Lernbeziehung getrennt.

Auch in Österreich wird klar für neue Qualitäten in der Lernbeziehung plädiert. Das Lehrende – Lernende Kurskonzept stößt bei der schnellen Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft an seine Grenzen. Die fünf Schlüsselbereiche in der Erwachsenenbildung 4.0 sind demzufolge ein Weg aus dem Paternalismus, hin  zu einer neuen, flexiblen kooperativen Infrastruktur, die digitale Kompetenzen stärkt, eigenständiges Lernen fördert und so die allgemeine Veränderungskompetenz des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt.

Besonders spannend ist ein Bildung 4.0 Manifest, das den „Kulturschock“ der Wissensrevolution für „traditionell geschulte“ Erwachsene beschreibt. Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei. Wir leben und lernen in einer VUCA Welt.

    V wie Volatility = Unbeständigkeit

    U wie Uncertainity = Unsicherheit

 C wie Complexity = Komplexität

    A wie Ambiguity = Mehrdeutigkeit

In 10 Thesen werden die Implikationen der neuen Wissensqualitäten für den Einzelnen und die Gesellschaft durchgespielt. Ein lohnenswerter Beitrag, der Freude auf flexibles und selbstbestimmtes Lernen macht.

Foto: foter.com

Gefährliche Frauen!

Nachdem ich letzte Woche den Blog über die Tabu-Wirkung in der Grundbildung geschrieben hatte, entdeckte ich beim Stöbern diesen Buchtitel. Die Verbindung zu der Geschichte von Adam und Eva war sofot präsent. Zu viel zu wissen und denken kann gefährlich sein! Und wenn Frauen anfangen zu denken, bedeutet es für die Männer die Vertreibung aus dem Paradies!

Es ist spannend, dass dieses über 2000 Jahre alte „Bildungstabu“ aus der Bibel heute noch wirkt. Der obrige Titel suggeriert die Gefahr, die (immer) noch besteht, wenn Frauen anfangen, denkend-kritische Fragen zu stellen.

Der Buchtitel macht auch deutlich, wie so ein Tabu wirkt:

  • unbewusst
  • emotional
  • beschämend
  • scheinbar „natürlich“
  • legitmiert durch „Gefahr“

Adam, Eva und das Grundbildungstabu

In der Grundbildung gilt „funktionaler Analphabetismus“ als „Tabuthema“. Oft hören wie die Erklärung, dass Anmeldungen in Grundbildungskursen einfach tabu sind. Menschen die nicht gut lesen und schreiben können, wollen sich nicht „outen“. Die Presse berichtet immer wieder von Menschen, die sich durchs Leben mogeln. Wir alle nehmen die Tabusprache leicht in den Mund, aber sind uns oft nicht bewusst, wie stark ein Tabu wirkt. Wir merken auch nicht, wie wir selbst durch diese Sprache Tabus erhalten.

Wenn wir uns Tabus in anderen kulturellen Kontexten anschauen, sehen wir, dass alle Tabus den Interessen der bestehenden Gesellschaft dienen. Es ist einerlei, ob es sich bei dem Tabu um Jade bei den  Maori, gemischte Ehen im rassistischen Apartheidsstaat oder Sexualität in der Aidskrise handelt. Ein Tabu bewirkt immer eine soziale Dynamik, die es schwer macht, die Gesellschaft zu hinterfragen. Wie diese Dynamik funktioniert, können wir mit der Geschichte von Adam und Eva leicht erklären. Sie ist eine der ältesten Tabugeschichten aus unserem Kulturkreis. Wer die Geschichte nicht gut kennt, findet sie hier.

Tabu-Schritt 1: Eine Sache, Thema oder Ort  wird als „tabu“ erklärt. Es gibt ein allgemein anerkanntes Verbot sich mit bestimmten Fragen, Orten oder Personen zu beschäftigen. Das Verbot verschleiert wichtige Information darüber, wie Macht und Teilhabe in der Gesellschaft funktioniert.

Tabu-Schritt 2: Wer sich nicht an das Tabu hält, durchschaut die Verschleierung, darf dann aber nicht mehr Teil der Gruppe bleiben. Es gibt fortan eine Gruppe vom Tabu „Betroffener“, die ausgegrenzt werden kann. Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, begehen sie einen Tabubruch und werden aus dem Paradies vertrieben.

Tabu-Schritt 3: Bei einem Tabubruch wird die Frage nach Verantwortung und Schuld gestellt, und immer auf Kosten der Betroffenen beantwortet. So lässt es sich leicht sagen, dass Adam und Eva selbst schuld sind, wenn sie nicht mehr im Paradies bleiben können. Die Frage, ob Gott eine Verantwortung gehabt hätte, sie vor der Schlange zu schützen, wird nicht gestellt.

Tabu-Schritt 4: Die Ausgrenzung wird durch Scham und Beschämung vollzogen. Durch die Scham werden weitere kritische Fragen verhindert. Adam und Eva schämen sich nun dafür, dass sie so sind, wie Gott sie gemacht hat, nämlich nackt. Durch die Scham fällt ihnen nicht auf, dass es ja vorher, in ihrem unbewussten Zustand, niemandem geschadet hat, nackt zu sein. Noch heute sprechen wir bei Nacktheit von einer natürlichen Scham, obwohl Scham ein kulturelles Konstrukt ist und daher nie „natürlich“ sein kann.

Tabu-Schritt 5: Die wirklichen Machtverhältnisse bleiben verschleiert, die Realität wird stabilisiert und das Tabu bleibt erhalten. Es gibt weiterhin Gott im Paradies, aber die ausgegrenzten Menschen müssen jetzt einen anpassenden „Mehrwert“ leisten, um diesen Zustand wieder zu erreichen.

Wenn wir von einem Tabu in der Grundbildung sprechen, sollten wir mehr tun, als fehlende Teilnehmer in Volkshochschulkursen zu entschuldigen. Wir sollten mutiger sein und dann auch offen über die Tabudynamik im Bildungsbereich sprechen.

Wie funktioniert Macht und Teilhabe in der deutschen Erwachsenenbildung? Was soll verschleiert werden? Warum?

Was für eine Erkenntnis haben Menschen, die sehr wenig oder fehlerhaft Lesen und Schreiben?

Warum ist diese Erkenntnis für das System so gefährlich, dass sie als „Betroffene“ beschämt und ausgegrenzt werden müssen?

Fotos: pixelio.de