Archiv der Kategorie: Interview

wir sprechen mit Menschen, die sich in Ihrem Arbeitsfeld für Grundbildung einsetzen.

Ich möchte neugierig sterben!

Dieser Gedanke stammt aus dem letzten Interview mit Paolo Freire, das er 1996 kurz vor seinem Tod gegeben hat. Im Gespräch erklärt er, warum Neugierde eine Tugend sei. Wer neugierig ist, ist auch tolerant. Wer neugierig ist, kann sich auf Neues einlassen, ohne sich selbst zu verlieren.  Somit ist die Tugend der Toleranz bei der Grundbildung von Erwachsenen immer mit im Programm. Wenn Erwachsene lernen, kommt es auf diese Haltung an.

Paolo Freire ist nach wie vor aktuell. Erst wenn Grundbildung dem Menschen ein neugieriges und kritisches Bewusstsein für die Gesellschaft ermöglicht, sind die Grundlagen für eine demokratische Zukunft geschaffen.

 

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Interview mit Ludger Nagel

Ludger Nagel ist Geschäftsführer der Katholischen Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt. Bis 2015 leitete er das Kompetenzgremium Alpha und beriet das Kultusministerium zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung. Derzeit ist er Mitglied der Jury, die entscheidet, welche Grundbildungsprojekte im Land gefördert werden.

Herr NagelFrage 1: Die leo.- Studie hat gezeigt, dass etwa 40% aller Erwachsenen in Deutschland beim Lesen und Schreiben längerer Texte viele Fehler machen, oder sogar ganz überfordert sind. Wie erleben Sie das in Ihrem Arbeitsfeld?

Herr Nagel: In meinem Arbeitsfeld habe ich in der Kommunikation mit den Mitarbeiter_innen sehr viel mit schriftlichen Texten zu tun. Dort erlebe ich keine Einschränkungen hinsichtlich Lese- u. Schreibfähigkeit.

Anders sieht es bei den Kontakten mit Teilnehmenden aus. Hier ist mir – geschärft durch die Beschäftigung mit dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung – in den letzten Jahren schon mehrfach aufgefallen, dass gelegentlich schriftliche Äußerungen vermieden werden.

Frage 2: Wenn Menschen die Schule verlassen und nicht mehr regelmäßig lesen und schreiben, können sie ihre schriftlichen Grundkompetenzen wieder verlieren. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das in Ihrem Umfeld?

Herr Nagel: Zu den Herausforderungen in meinem beruflichen Umfeld habe ich ja in der Frage 1 schon etwas geantwortet. Im privaten Umfeld ist auch durch die Kenntnisse der Leo Level One Studie die Sensibilität dafür gewachsen, dass Menschen, mit denen ich zu tun habe, möglicherweise Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben. Allerdings ist das Milieu, in dem ich mich bewege, eher von Menschen geprägt, die relativ hohe Schulabschlüsse haben. Sie arbeiten in anspruchsvollen Berufen, die mit einer ausgewiesenen Schriftlichkeit einhergehen. Aus diesem Grund sind auch in meinem näheren Umfeld Begegnungen mit Menschen, die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben, eher die Ausnahme.

Frage 3: Die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland möchte alle ermutigen in Sachen Grundbildung fit zu bleiben. Die Dekade endet im Jahre 2025. Was würden Sie gerne bis dahin umsetzen?

Herr Nagel: Durch das Programm im Europäischen Sozialfonds (ESF) hat das Land Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, einige Projekte im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung umzusetzen, zumindest bis zum Jahr 2023, so lange wird die Förderperiode des ESF wohl dauern.

Als Mitglied der Jury, die über die Projektvergabe entscheidet, möchte ich, dass wir eine breite Palette von Ansätzen erproben und insgesamt im Thema Alphabetisierung und Grundbildung einen höheren Bewusstseinsstand bei Verantwortungsträgern im Land erreichen. Dazu zählt im Ergebnis auch, dass das Land Sachsen-Anhalt sich bereit findet, ähnlich wie bei anderen wichtigen bildungspolitischen Vorhaben, eigene Kofinanzierungsmittel bereitzustellen.

Frage 4: Gibt es eine Lernerfahrung, die Ihr Leben besonders bereichert hat?

Herr Nagel: Vielleicht kann ich nicht die eine Erfahrung nennen. Aber insgesamt ist für mein Verständnis von Bildung Erwachsener die Einsicht wichtig geworden und sie bleibt wichtig: „Erwachsene kann man nicht bilden, Erwachsene bilden sich selbst.“  Der Ansatzpunkt für Bildung mit Erwachsenen ist immer die Frage danach, wie ich Bildungsinteresse wecken kann.

Interview mit Michael de Boor

de boorMichael de Boor ist Geschäftsführer im Luisenhaus, einem Altenpflegeheim in Naumburg. Im Luisenhaus gibt es über das Seniorenbüro viele offene Bildungsangebote für ältere Menschen. Dazu gehören Englischkurse, PC Kurse, Gedächtnistraining und auch ein Lesecafé.

 Frage 1: Die neusten Zahlen zeigen, dass etwa 40% aller Erwachsene in Deutschland mit dem Lesen und Schreiben längerer Texte überfordert sind. Wie erleben Sie das in Ihrem Arbeitsfeld?

Herr de Boor: Im Bereich der Altenhilfe müssten letztlich aufgrund der umfangreichen Dokumentationspflichten sowie der oft auch schriftlich erfolgenden Informationsweitergaben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – also sowohl die Altenpflegefachkräfte als auch die Altenpflegekräfte – ausreichend lesen und schreiben können. Diese Aussage ist bewusst im Konjunktiv formuliert, da eine letztendliche Sicherheit dafür dennoch nicht vorhanden ist. Und es kommt hinzu, dass das bei uns im Haus eingesetzte elektronische Dokumentationssystem m.E. Möglichkeiten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet, ohne umfängliche Fähigkeiten, insbesondere im Verstehen von Texten, die notwendigen Dokumentationspflichten zu erfüllen.

Unabhängig vom festen Stamm der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wir als Haus aber regelmäßig mit der Thematik – egal ob ausgesprochen oder im Verborgenen – insbesondere durch den vielfältigen Einsatz von Praktikantinnen und Praktikanten konfrontiert. Hier haben wir aber kaum Einflussmöglichkeiten.

Frage 2: Wenn Menschen die Schule verlassen und nicht mehr regelmäßig lesen und schreiben, können sie diese Grundkompetenz wieder verlieren.  Vor welche Herausforderungen stellt Sie das in Ihrem Umfeld?

Herr de Boor: Die Altenpflege bewegt sich hier in einem großen Spannungsfeld. Zum einen gehen Menschen in dieses Berufsfeld, für die es in der Regel das Wichtigste Anliegen ist, anderen Menschen zu helfen und sie auf vielfältige Weise zu unterstützen. Zum zweiten werden diese Menschen aber durch die in der Altenpflege geltenden Regularien gezwungen, sehr umfangreiche Dokumentationsarbeiten zu erledigen. Oft hört man dann die Klage, dass die Dokumentationsarbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihrer eigentlichen Arbeit hindern. Unabhängig von der Frage, wie sinnvoll die Dokumentation nun tatsächlich ist, rührt diese Klage vielleicht auch daher, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenpflege ihre Stärken eben nicht im Lesen und Schreiben, sondern in der Kommunikation haben und die Dokumentationspflichten sie auch aus diesem Grund so massiv stören.

118142600_8f7251c825_oVor einiger Zeit hat eine junge Frau aus einer Förderschule – mit sehr gering ausgeprägten Fähigkeiten im Bereich Lesen und Schreiben – ein mehrmonatiges Praktikum bei uns im Haus absolviert. Trotz ihrer Einschränkungen konnte sich die junge Frau hervorragend auf die Bewohnerinnen und Bewohner einstellen und unterstützende Arbeiten für unseren Wohnbereich leisten. Dazu haben wir Möglichkeiten gesucht und gefunden, wie sie trotz der fehlenden Kompetenzen im Bereich Lesen und Schreiben, eigenständig Arbeitsaufträge aufnehmen und umsetzen konnte. – Und trotz dieser Erfolge gab es für uns als Haus praktisch keine Möglichkeit, die junge Frau bei uns im Haus einzustellen – schlicht deshalb, weil klar war, dass sie nur als Altenpflegehelferin durch die Pflegekassen anerkannt und dann auch refinanziert werden würde. Und als Altenpflegehelferin hätte sie eben auch die Dokumentationsarbeiten zu leisten, was sie aber nicht kann. So blieb am Ende eine große Enttäuschung, weil es das System nicht mehr hergibt, emotional hinreichend gebildete Menschen als Helferinnen und Helfer in der Altenpflege einzusetzen.

Frage 3: Die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland endet im Jahre 2025. Was würden Sie gerne bis dahin umgesetzt haben?

Herr de Boor: Grundsätzlich wünsche ich mir vor allem, dass bis Ende 2025 eine deutliche Enttabuisierung des Themas stattgefunden hat. Es sollen niedrigschwellige und vielfältige Möglichkeiten für diejenigen, die sich auf den schweren Weg des erneuten Lernens von Lesen und Schreiben machen wollen, vorhanden sein. Und es wäre gut, wenn diejenigen, die Personalverantwortung tragen, deutlich mehr um die vorhandenen Probleme wissen, so dass das Selbstverständnis wegfällt „Schreiben und Lesen kann doch jeder.“

 Frage 4: Gibt es eine Lernerfahrung, die Ihr Leben besonders bereichert hat?

Herr de Boor: Die für meinen weiteren Lebensweg vermutlich wichtigste Lernerfahrung waren meine ersten 5 hintereinander liegenden Arbeitstage als Kochlehrling. Hier habe ich heute noch das Bild vor Augen, dass ich am Ende des dritten Arbeitstages gut 1 h im Umkleideraum gesessen habe und mich vor lauter Erschöpfung einfach nicht mehr bewegen konnte. Das hat mich großen Respekt vor der körperlich anstrengenden Arbeit von Menschen gelehrt, die scheinbar so banale Dinge wie Kartoffel schälen und Flure wischen machen.

Photo credit: sparkle glowplug via Foter.com / CC BY-NC