Archiv für den Monat Mai 2017

Mit Luther einen Thesenanschlag wagen

In Zeiten wie diesen, wo wir 500 Jahre Reformation feiern, gedenken wir häufiger der 95 Thesen, die Martin Luther veröffentlicht hat. Die Reformation hat insbesondere auch die deutsche Sprache in den Mittelpunkt gerückt.

Die Bibel-Übersetzung Luthers in deutsche Sprache war ein Bildungsprojekt par excellence. So haben viele Menschen überhaupt Lesen und Schreiben gelernt. Lateinschulen wurden in der damaligen Zeit auch für Mädchen geöffnet. Philipp Melanchthon – der Lehrer Deutschlands – hat für diese Bildungsoffensive gesorgt.

Wir fragen uns natürlich heute: Wie bekommen wir eine solche Bildungsoffensive wieder in der Gesellschaft verankert? Wir wissen, dass 40% der heutigen erwachsenen Bevölkerung mit längeren Texten überfordert sind. Wir wissen auch, dass die Digitalisierung unserer Gesellschaft immer wieder neue Kompetenzen  einfordert.  Da genügt die Schulbildung nicht. Wir brauchen viele gute Angebote für Menschen, die Grundbildung in den unterschiedlichsten Feldern benötigen – sei es im Bereich Lesen, Schreiben, Rechnen, Gesundheit, Verkehr, Computer, bis hin zu Online Banking und MOOCS.

Die Landesnetzwerkstelle Alphabetisierung und Grundbildung in Sachsen Anhalt hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen für diese Arbeit erfolgreich zu gestalten. Dazu gehört zum einen erfolgreiche Lobby-Arbeit bei politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entscheiderinnen und Entscheidern. Dazu gehört die Vernetzung der bestehenden Projekte und dazu gehört  eine innovative Öffentlichkeits-Arbeit.

In Zusammenarbeit mit der Landesnetzwerkstelle haben wir an unserem Fachtag am 17.5. 2017 selber einen Thesenanschlag im Sinne Luthers gewagt. Mit vier Thesen wollen wir zu einer grundlegenden Bildungsoffensive im südlichen Sachsen-Anhalt aufrufen.

  • These 1: Die Verantwortung für Grundbildung muss langfristig  von lokalen Strukturen getragen werden.
  • These 2: Lernangebote müssen optimiert und erweitert werden.
  • These 3: Die Professionalisierung zum Thema muss ausgebaut werden.
  • These 4: Die Öffentlichkeit muss kontinuierlich angesprochen und zum Lernen ermutigt werden.

Photo: Blickpunkt alpha

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1€ Job mit Bildung

Laut leo.-Level-One Studie sind Menschen, die längere Zeit nicht in Arbeit waren, mehr von Lese-und Schreibschwierigkeiten betroffen als andere Gruppen. 31,9 % der Arbeitslosen gelten als funktionale Analphabeten. Dazu hinkommt, dass jeder Dritte, der in der Berufsgrundbildung oder Berufsvorbereitung seine einzige berufliche Bildung erwarb, später funktionale/r Analphabet/in ist. Auch hierzu gibt es eine klare Auswertung aus Hamburg.

Diese Zahlen – sowie die rasanten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und der zunehmende Fachkräftemangel in Deutschland – deuten klar daraufhin, dass es verstärkt eine langfristig angelegte Grundbildungskomponente in allen Weiterbildungen und Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit geben muss. Diese sollte sich nicht nur am Lesen und Schreiben orientieren, sondern auch an den Grundkompetenzen, wie sie die EU Skills Guarantee anstrebt. (vgl. unseren Blogbeitrag)

Bislang reagieren Mitarbeiter der Jobcenter sehr verhalten auf diesen Vorschlag. Warum?

  • Selbst wenn sie den Lernbedarf ihrer Kunden kennen, glauben sie, dass die Bundesagentur nicht für Grundbildung zuständig ist, und diese nicht fördern darf. Dabei sind seit 2016 die Bildungsgutscheine und Bildungsprämien für Grundbildung freigegeben. Hinzu kommt die neue Regelung der Förderung von Grundkompetenzen im SGB III, §81, Abs. 3a.
  • Ein weiterer Hinderungsgrund ist die Tatsache, dass Förderung von arbeitsplatzbezogener Grundbildung oft nur nur im Einzelfall gilt – und so werden viele Erwachsene mit Grundbildungsbedarf gar nicht erkannt.

Als BLICKPUNKT alpha denken wir somit verstärkt über Modelle nach, in denen Menschen systematischer und langfristiger „lernend“ bleiben, auch wenn sie in Hilfstätigkeiten angestellt oder gar nicht in Arbeit sind. Dazu gehören z.B. die Vergabe von 1€ Jobs mit konkreter, arbeitsplatzbezogener Grundbildungsschulung oder Jobcentermaßnahmen, mit verpflichtenden Modulen, die Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen auffrischen.

Leider steht in unserer Region diese Arbeit noch sehr in den Anfängen, da der Grundbildungsgedanke für viele Manager noch nicht zukunftsweisend ist. Grundbildung gehört für sie nicht wirklich in den Erwachsenenbereich, und wenn ja, dann nur als „Nachholbildung“ an die VHS. Was müsste passieren, damit hier eine Veränderung möglich wird?

Photo credit: Foter.com