Archiv für den Monat Januar 2017

Eine klare Ansage

Irland ist das erste Land weltweit, das seine Energiekonzerne verpflichtet hat, die Kundenkommunikation barrierefrei zu gestalten.

Den Anstoß gab eine Richtlinie der Europäischen Union. Sie sollte den Kundenservice der Energiebranche verbessern – für möglichst alle Nutzer: Für Menschen mit geringer (Schrift-)Sprachkompetenz, für Senioren, für Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen ohne Einschränkungen gleichermaßen.

Unterstützung gab es vom „Centre for Excellence in Universal Design“, einer irischen Behörde, die sich mit einem internationalen Gestaltungskonzept beschäftigt, das verschiedene Lebensbereiche für alle Menschen nutzbar machen soll. Die Energiebranche ist jetzt der erste irische Sektor, für den die Anwendung dieses Gestaltungskonzepts gesetzlich verankert wurde.

Die Energiekonzerne überarbeiten nunmehr ihre Dienstleistungen nach dem Standard der Richtlinie. Das bedeutet: Barrierefreier Schriftverkehr unter Verwendung einer klaren, einfachen Sprache ohne Fachbegriffe, die Einrichtung eines effizienten Anrufverteilers und eine Website, die auf den Nutzer ausgerichtet ist mit praktischen Hilfen beim Orientieren, Informieren und Navigieren.

Hier unterstützt Politik sinnhaft, gezielt und nachhaltig. Daumen hoch für ein gelungenes Beispiel, das Nachahmer sucht – also vielleicht auch bald in Deutschland?

Foto-Quelle: Universal Design Ireland

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Warum Grundbildung?

Mit dem Beginn der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung besteht kein Zweifel, dass Grundbildung für Erwachsene in Deutschland als wichtiges Bildungsthema erkannt wurde. Auf der einen Seite machte die Veröffentlichung der leo.-Level 1 Studie deutlich, wie viele Menschen auf Grund ihrer fehlenden Schriftkompetenzen in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite bringen die rasanten Veränderungen in der modernen Wissensgesellschaft immer neue Anforderungen an alle Menschen heran. Schon fast 40% der erwachsenen Bevölkerung sind laut leo.- Studie mit den Komplexitäten des heute üblichen Schriftverkehrs überfordert. Aber auch für die restlichen 60% ist die kontinuierliche Entwicklung ihres Wissens und Fähigkeiten eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt.

Es wäre daher kurzsichtig, Grundbildung für Erwachsene (nur) als „Nachholbildung“ für eine Randgruppe in der Gesellschaft zu verstehen. Der große und stete Bedarf an Grundbildung ist dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft geschuldet, der unser soziales Erleben zunehmend fragmentiert, aber auch (paradoxerweise) globalisiert. Wenn Erwachsene aktiv und selbstbestimmt mit dieser Dynamik umgehen sollen, brauchen sie formale und informelle Lernorte, in denen sie befähigt werden, die vielfältigen Veränderungen aufzugreifen und als neue Chancen für sich und ihr Umfeld zu nutzen. Zukunftsorientierte Grund-Bildung sollte somit den Blick nicht in erster Linie auf die defizitäre Bildungs-Grundlage richten, sondern auf den veränderten Kompetenzbedarf, d.h. auf den aktuellen Grund-für-Bildung.

Grundbildung ist also kein feststehend definierter Begriff. Er muss dynamisch verstanden werden. Dynamisch wird er aber erst, wenn er die lebenslange Bildung von Erwachsenen nicht in erster Linie inhaltlich oder institutionell festmacht, sondern sich lebensbegleitend sowohl wirtschaftlich als auch kulturell definiert. Dynamische Grundbildung kommt einer steten Lern-Bewegung gleich. Für eine zukunftsorientierte Grundbildung brauchen wir somit in unseren Kommunen vor allen Dingen eine öffentliche Kultur des Lernens, die allen Bürgern, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in Bewegung zu bleiben, ihre Talente zu entdecken und sich weiter zu entwickeln. Die Verantwortung liegt bei den Kommunen sich selbst als wandelbares Gefüge zu verstehen, das zum Lernen Mut macht, unkomplizierte und sinnvolle Bildungswege aufzeigt und Zugänge schafft.

Der stete Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ist ein wichtiger Grund, der für eine flächendeckende Grundbildung für Erwachsene in unseren Kommunen spricht. Ein zweiter Grund ist die politische Stabilität unserer Kommunen, die von einer mündigen Teilhabe der Bürger abhängig sind. Obwohl der politische Aspekt der Grundbildungsarbeit selten explizit formuliert ist, ist die grundsätzliche Verknüpfung von gesellschaftlicher Teilhabe und Grundbildung in den Werten der demokratischen Gesellschaft verankert. Wer Demokratie will, muss immer etwas dafür tun.

2017

Wir beginnen 2017 mit einem Gedanken von Nelson Mandela:

Education is the most powerful weapon, which you can use to change the world.

Bildung ist die mächtigste Waffe, mit der wir die Welt verändern können.

Nelson Mandela hat nicht nur die Schulbildung gemeint. Er hat nicht nur gemeint, wir sollen Kinder in die Schule schicken, damit in Zukunft alles besser wird. Dieses Zitat Mandelas galt in erster Linie der Erwachsenenbildung, denn ohne diese würde er scheitern. Ohne sie gäbe es keine Teilhabe, keine Demokratie.

Als Mandela 1994 in Südafrika President wurde, waren über 90% erwachsene Bürger seines Landes „bildungsgeschädigt“. Sie waren während der Apartheit in Schulen gegangen, die sie systematisch zu Menschen 2. Klasse formen sollten.  Viele konnten zwar lesen und schreiben, aber ihre Würde und ihr Selbstwert hatten Schaden genommen. Sie hatten in der Schule gelernt sich anzupassen und sich mit einem System zu arrangieren, auch wenn es ihre Interessen nicht vertritt.

Mandela wollte mit dem „neuen Südafrika“ nicht warten, bis eine neue Generation heranwächst, die zur würdigen Teilhabe taugt. Nein, er hat gerade den bidlungsgeschädigten, den zaghaften, den frustrierten Erwachsenen zugemutet, sich auf den Weg zu machen. Er hat gerade diese Menschen aufgerufen wieder zu lernen, damit sie selbst wirksam werden können. Er hat ihnen zugemutet selber die Gesellschaft so zu gestalten, wie es ihrer Würde entspricht.

Wie sieht das bei uns 2017 aus? Warum sind wir in diesem Jahr in der Grundbildung für Erwachsene unterwegs? Was genau meinen wir, wenn wir uns 2017 für „die Teilhabe Betroffener“ einsetzen? Wollen wir ihnen helfen, sich dem jetzigen System anzupassen? Oder wollen wir, wie Mandela, dass sie lernen, unsere Welt zu verändern? Nicht irgendwann, sondern jetzt?

Photo credit: paola.natalia58 via Foter.com / CC BY-NC-SA