Vorm gefüllten Kühlschrank verhungern…

Zum Beginn des neuen Schuljahres wird in Sachsen-Anhalt wieder einmal über Lehrermangel geklagt. Eltern fragen sich, was aus der Bildung ihrer Kinder werden soll, wenn das bestehende Personal überfordert ist und es immer mehr Ausfallstunden im Studenplan geben wird. Als Grundbildungsprojekt, das gewissermaßen das auffangen soll, was in der Schule nicht gut gelaufen ist, können wir diese Fragen und Ängste gut verstehen. Dennoch wollen wir nicht einfach in die Schwarzmalerei einsteigen. Bildung ist nicht in Stein gemeißelt und gerade in der Wissengesellschaft gibt es viele neue spannende Möglichkeiten, Bildungsangebote zu gestalten. Wir fragen uns, warum so wenig Alternativen zur lehrerdominierten Wissensvermittlung in die Diskussion einfließen. Wozu gibt es denn das Internet?

Mit Internet meinen wir nicht nur die Suchmaschine Google, sondern die vielen offenen und kostenfreie Bildungsangebote, die es inzwischen im Netz gibt. Von Vorträgen zu Erklärvideos, lehrbuchbegleitenden Aufgaben und online-Tutoren ist alles dabei. Wenn wir uns diese Vielfalt und hervorragende Qualität anschauen, wird erst deutlich, wie sehr unsere veralteten, schulgebundenen Vorstellungen vom Lernen uns blockieren. Dadurch wird auch ein falsches Mangeldenken geschürt. Wenn wir an der Vorstellung von Lehrenden als Bildungshoheit festhalten, werden Kinder und Erwachsene in kommenden Jahren „vorm gefüllten Wissens-Kühlschrank verhungern“. In der Gesellschaft gibt es dann langfristig auch einen brisanten Grundbildungsbedarf.

In 2007 gab es in Kapstadt, Südafrika die erste öffentliche Erklärung zum freien, offenen Lernen für Schüler und Erwachsene. Diese internationale Initiative hat die Entwicklung von Wikipedia und anderen offenen Plattformen im Internet gebündelt und eine neue netzwerkende Haltung unterstützt. 2014 wurde in Deutschland endlich das White Paper OER in der Schule vorgestellt. Ein Blick in dieses Paper lohnt sich, da es nicht nur die Möglichkeiten des offenen Lernen benennt und die (nicht übermäßig teueren) technischen Bedingungen dafür ausführt. Es zeigt auch sehr deutlich, wer an Einfluss und Macht verlieren wird, wenn Bildung auch außerhalb der offiziellen Bildungseinrichtungen möglich wird.

Ganz unhabhängig von den trägen Diskussionen um das offene, internetgestützte Lernen für Schüler, gibt es drei Faktoren in dem jetzigen Modell Schule, die uns in Sachsen-Anhalt daran hindern könnten, die Lernmöglichkeiten im Internet zu nutzen, und lebenslange Lernende zu werden:

  1. Zum offenen Lernen braucht man Lehrende, die zum Dialog fähig sind und sich selbst in Frage stellen lassen. Leider wird die Wissensvermittlung und Deutungshoheit der Lehrenden traditionell nicht als Dialog gedacht. Gespräche in der Schule sind traditionell Lehrer-Monologe mit „Abfrage“. Dadurch lernen Schüler nicht,  ihrem eigenen Wissen zu vertrauen und es als Basis zu nutzen, um eigenständig weiter zu lernen. Ohne das nötige  „Selbstvertrauen“ ist lebenslanges Lernen nicht möglich.
  2. In vielen Schulen sieht Lernen so aus, dass der Lehrende Fragen stellt und Lernen bedeutet „die richtigen Antworten“ zu suchen. Eine spontante Neugierde, kritische Fragen oder Eigeninitiative der Schüler sind im Regelwerk der Schule nicht erwünscht. Sie werden auf „Projekttage“ oder „Leerzeiten“ abgeschoben.  Neugierde, die weggedrückt wird, verkümmert. Ohne diese Neugierde allerdings, verschwinden die eigenen Fragen und damit die Motivation für sich selbst zu lernen.
  3. Lernen braucht einen Menschen, der uns zum Risiko des „Neuen“ ermutigt. Wirkliches Lernen ohne belastbare „Lernbeziehung“ hält kaum einer durch. Für gute Lern-Beziehungen, jedoch, gibt es im Schulbetrieb kaum Zeit. So sehen sich die Lehrenden schnell in der Rolle, dass Sie Schüler zu ihrer Entwicklung „zwingen“ müssen, besonders wenn es um die Übungsphase geht. Die Lernbeziehung wird zum Umschlagplatz für Frust und Machtkämpfe, die eigentlich woanders hingehören. Der eigene Antrieb „für sich selbst zu lernen“ kann in diesen Konstellationen nur schwer genährt werden.

Schauen wir uns doch die Gesichter der LehrerInnen und SchülerInnen an, die uns in diesen Tagen wieder  früh in den Bussen, Bahnen und auf den Gehwegen begegnen. Selbstmotiviert, neugierig, fragend und dialogfähig wirken sie eigentlich nicht mehr. Leider.

Die wirklich wichtige Bildungsfrage für unseren Landkreis ist nicht, wo die (fehlenden) Lehrkräfte herkommen sollen, sondern mit welcher Haltung die jetzigen LehrerInnen in die Schule gehen. Verteilen sie winzige Portionen eines zunehmend veralteten Wissenskanons, oder bereiten Sie unsere Kinder auf 70 Jahre selbstbestimmtes, lebenslanges Lernen vor?

Foto: cc Thad Zejdowicz, cc Pixabay

 

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