Nicht nur Weihnachtsmarkt in Nürnberg!

Anfang November fand in Nürnberg eine Tagung zur Berufsbildung statt. Das Thema war „Weiterbildungsangebote für nicht formal Qualifizierte lernförderlich gestalten.“ Der inhaltliche Schwerpunkt der Tagung war das Weiterbildungskonzept des BMBF geförderten Projekts „Pro-up“ und deren innovative Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung.

Ich fand die Tagung sehr spannend, da sie das Problem der Grundbildung zum Kernthema hatte und doch keine defizitorientierte  „Grundbildungstagung“ war. Viele Teilnehmer*innen der Tagung kamen aus der leistungsstarken Wirtschaft in Bayern oder Baden-Württemberg. Sie suchten neue Wege, nicht formal Qualifizierte Mitarbeiter*innen (oder Bewerber*innen) als Fachkräftepotenzial zu nutzen. Der Fachkräftebedarf für die mittlere Qualifikationsebene stellt sie vor die Herausforderung, neue Wege zur Gewinnung von qualifiziertem Personal einzuschlagen. Für sie sind geringqualifizierte Erwachsene keine Defizitgruppe, sondern ein ungenutztes Potential. Das wurde schon in der Sprache deutlich, mit der die Vortragenden die Problemlage beschrieben:

  • Keine „Ungelernten“, sondern nicht formal Qualifizierte
  • Keine fehlenden Abschlüsse, sondern eine Phase der Kompetenzfeststellung vor Ort.
  • Keine „Maßnahmeabbrüche“, sondern den Bedarf für eine Lernprozessbegleitung
  • Keine „funktionale Analphabeten“, sondern den Bedarf für eine zielgruppengerechte Konzeption
  • Keine niedrigschwelligen Angebote, sondern lernförderliche Weiterbildungsangebote.

Ich hatte während der Gespräche und Fragerunden nicht den Eindruck, dass die kompetenzorientierten Formulierungen die Schwierigkeiten der Zielgruppe verschönern sollten. Die Schwierigkeiten wurden angenommen und der bewusste Kompetenzblick war  zukunftsorientiert. (Vgl. Knut Diekmann, DHIK, „Grundbildung in die Zukunft gedacht“).  Er schien eher aus der Not zu entstehen, wo alle noch nicht genutzten Möglichkeiten von Interesse sind. Dabei war es allen klar, dass die Förderung einer Weiterbildungsaktivität von nicht formal qualifizierten Mitarbeitenden eine Herausforderung ist. Diese kann nur gemeistert werden, wenn die Weiterbildungen klare Konzepte entwickeln, die zur Überwindung bestehender Lernhindernisse beitragen.

Die Erfahrung von Pro-up zeigt, dass bestehende Lernhindernisse erfolgreich angegangen werden können. Dazu braucht es didaktische Neuausrichtungen wie:

  • eine gemeinsame Konzeption von Betrieb und Bildungsträger, mit frühzeitigen und erweiterten betriebliche Praxisphasen, damit arbeitsplatznahes Lernen möglich wird.
  • eine intensive Lernprozessbegleitung der Lernenden und regelmäßige Beratung in den Betrieben.
  • regelmäßige Reflexionsschleifen beim Bildungsträger, die ein flexibles, passgenaues Zusammenspiel der praktischen und theoretischen Lernerfahrungen ermöglichen.
  • eine methodisch vielseitige Theorievermittlung (z.B. blended Learning), die mitunter auch im Betrieb stattfinden kann.
  • Inhaltliche Grundlagen, die modularisierte Kompetenzbündel bilden (z.B. als Teilqualifikation) und so den schrittweisen Erwerb eines Berufsabschlusses ermöglichen.

Wie schön wäre es, wenn wir diese Adventszeit eine neues Nachdenken zu Grundbildung ohne Defizit-Depression erleben könnten!

Foto: Christian heinze  / pixelio.de

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