Der „Analphabet“ muss weg!

Anfang September fand europaweit ein EPALE Austausch zu den Begriffen der Grundbildung statt. Die Diskussion wurde für EPALE von dem Engländer David Mallows moderiert.

Auf seinem Blog „What is literacy?“ stellt David Mallows die Begriffe basic literacy (lesen, schreiben rechnen)  anderen Formen von literacy gegenüber. Er zeigt so die Vielfalt der Wissenssysteme auf, die wir in unserem Alltag beherrschen müssen. Dabei geht es um Finanzen (economic literacy) und Medien (digital literacy) bis hin zu unseren ganz persönlichen Gefühlen (emotional literacy). Insgesamt ist er auf 33 verschiedene „literacies“ gekommen. Das Konzept „literacy“ richtet damit den Blick über den Schrifterwerb hinaus auf ein komplexes, kontextspezifisches Wissen. Dieses wird systematisch artikuliert und gegebenenfalls mit Schrift verknüpft.

In diesem Zusammenhang warnt David Mallows davor, das Wort Analphabeten  undifferenziert zu gebrauchen. Das lenke von der Bildungsnot in Europa ab. In europäischen  Ländern geht es bei der Grundbildung selten um Menschen, die das System Schrift gar nicht kennen, sondern eher um die, die es nur in seiner rudimentären Form nutzen können. Somit sind sie schnell mit den schriftlichen Anforderungen in einem anderen Wissenskontext (wie z.B. Finanzen) überfordert.

In Österreich sind die Begrifflichkeiten in der Grundbildung relativ klar. Dort wird im Allgemeinen das Wort Basisbildung eingesetzt. Mit diesem offenen Begriff wird eine Diskussion möglich, in der das Lesen, Schreiben und Rechnen, seinen Bezug zu anderen Wissenssystemen behält. Auch die Rolle der Schrift in den unterschiedlichen Wissensfeldern kann neu beleuchtet werden. Zusätzlich ist es in der österreichischen Basisbildung auch wichtig, auf die Haltung zu achten, die Erwachsenen ein lebenslanges Lernen ermöglicht.  Basisbildung erhebt somit den Anspruch einer sozialen Praxis, die fließend und dynamisch Zugänge schafft und die Menschen ganzheitlich stärkt.

Ein weiterer Aspekt der Grundbildung in Europa ist die Diskussion um die grundsätzlichen Fähigkeiten, die eine Wissensgesellschaft braucht. EPALE beteiligt sich hier mit dem European Basic Skills Network, und in diesem Netzwerk diskutieren sie über die Grundkompetenzen, die Europa für die Zukunft braucht. Diese wiederrum stehen im Zusammenhang mit den Zielen von Bildung 2030 der UNESCO. In Deutschland findet diese Diskussion unter dem Begriff Weiterbildungspfade statt.

In der weiterführenden EPALE Diskussion wird mit dem Konzept von literacy  das Grundwissen mit Kompetenz  und Leistung verknüpft. Es braucht also (auch beim Lesen und Schreiben) eine aktive Verknüpfung zwischen dem allgemeinen Wissen und der Anwendung in einem spezifischen Kontext. Entscheidend für jede Form der literacy ist daher die Fähigkeit „Zeichen“ und „Koden“ zu verstehen, ihr System zu analysieren und passende Elemente auszuwählen, um diese dann zielbewusst und kontextsicher einzusetzen.  Erst wenn Wissen und Kompetenz angemessen (und passend) auf den spezifischen Kontext zugeschnitten sind, wird die eigentliche performance , sprich „Leistung“ des Einzelnen sichtbar.   Das bedarf einer kritischen und wachen Grundhaltung, die auf die passgenaue Lösung eines Problems fokussiert.

Eine interessante sprachliche Beobachtung war für uns die Tatsache, dass im englischsprachigen EPALE Bereich der Begriff „functional literacy“ (funktionale Lese-und Schreibkompetenzen) üblich ist. Damit wird das Minimum an Wissen und Fähigkeiten gemeint, die der Einzelne braucht, um sich selbstwirksam als Lerndender in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zu bewegen. Der Begriff des funktionalen Analphabeten, der auf die fehlende Leistung des Einzelnen schaut, ist zwar in Deutschland sehr beliebt, in der internationalen Diskussion jedoch nicht sehr relevant. Der Defizitblick unser Begrifflichkeit lenkt hier von der eigentlichen Herausforderung in Europa ab.

Das Fazit der EPALE Dikussion lautet:

„The Belém Framework for Action presents key elements for understanding literacy today: (a) literacy as a continuum; (b) sustainable literacy as a target; (c) literacy as an empowering tool that enables participants to continue as lifelong learners.“

  • Es geht nicht um eine fehlende Leistung, sondern um ein Kontinuum von Fähigkeiten.
  • Ziel ist eine nachhaltige und zukunftsfähige Lese-, Schreib -und Lernkompetenz.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen sind wertvolle Werzeuge zur „empowerment“, sprich Befähigung, einer Haltung, die zum lebenslangen lernen führt.

 

Photo: Pixabay.com

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