Weihnachts-Mann-Missbrauch!

Grundbildung nachholen – nicht ausreichend lesen und schreiben – nicht teilhaben können – verpasste Chancen aufarbeiten – mit der Schrift kämpfen – Chancen für Analphabeten schaffen – ein Weihnachtsmann, der Fehler macht, weil er nicht gut lesen kann …

Wenn wir die Sprache anschauen in der Grundbildung für Erwachsene in der Öffentlichkeit dargestellt wird, verstehen wir, warum niemand sich als Grundbildungsbedürftiger „outen“ will. Das Thema hat scheinbar nur etwas mit einer Defizitgruppe zu tun. Jeder Erwachsene, der einen gesunden Selbstschutz hat, wird sich mit dieser Haltung nicht identifizieren.

Der implizite Aufruf an die Öffentlichkeit bei diesen Schlagzeilen und Werbespots ist nicht weniger beschämend. Es gilt unter uns diese defizitäre Gruppe zu finden, und auf Vordermann zu bringen. Wir als Mitwissende sind auch irgendwie betroffen. Auch wir haben irgendwie versagt.

Dabei gibt es „Funktionaler Analphabeten“ als soziale Einheit in unserer Gesellschaft überhaupt nicht. „Funktionale Analphabeten“ sind eine statistische Größe. Der Appell gilt somit einer, von außen, theoretisch konstruierten Gruppe, die sich im wirklichen Leben so nicht finden lässt.

Die Mischung aus Statistik und Schlagzeilen verführt leider nicht nur in der Presse dazu, eine Zielgruppe zu konzipieren, die es nicht wirklich gibt. Auch wir in der Grundbildungsarbeit sind mit unseren Profi-Kürzeln wie „Alpha-Level 3“ nicht vor Illusionen geschützt. Darum ist die Werbung in der Grundbildung auch mehr oder weniger peinlich. Sogar der Weihnachtsmann musste in der Vergangenheit dafür herhalten, auch wenn es ihn – eventuell – überhaupt nicht gibt!

Natürlich gibt es Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können. Natürlich gibt es Menschen, die einen Grundbildungsbedarf haben. Und es gibt auch sehr viele Menschen, die mit Schrift im öffentlichen Leben überfordert sind. Sie sind als Gruppe jedoch weder greifbar noch ansprechbar.

Diese Menschen haben komplexe Biografien, in denen das Lesen und Schreiben sehr unterschiedlich bewertet wird. Das Einzige was alle gleichsam betrifft, ist die Angst vor dem Bildungsdünkel derer, für die Lesen und Schreiben eine Selbstverständlichkeit ist.

Heute am 28.11.2016 findet eine Auftaktveranstaltung für die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung in Berlin statt. Die Öffentlichkeitsarbeit in der Grundbildung steht fest im Programm. Zeitnah begann am 21.11. ein Werbespot in Kino und Fernsehen, der auch im Internet unter dem Slogan Nur Mut zu finden ist.

Obwohl wir diese Initiativen sehr begrüßen, möchten wir dennoch zu einer wachsamen, ehrlichen und kritischen Haltung ermuntern, die den Pressemitteilungen ihre Schlagzeilen über „die Analphabeten“ austreibt. Dazu braucht es etwas Mut – aber den sollten wir wenigstens aufbringen, wenn wir schon mit diesem Slogan im Kino unterwegs sind.

Photo credit: Matti Mattila via Foter.com / CC BY

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5 Gedanken zu „Weihnachts-Mann-Missbrauch!

  1. Multisprech

    Liebes Blickpunkt-alpha-Team,

    bei Multisprech geht es uns vor allem um Sprachangebote für Geflüchtete und Zugewanderte. Auch das ist natürlich eine heterogene Zielgruppe. Wir orientieren uns dabei an dem angestrebten Sprachniveau der Deutschkurse: A2/B1.

    Was wir für diese Gruppe anbieten sind Hinweise (Links) auf leicht verständliche Texte, insbesondere folgende Übersicht:

    Leicht zum Lesen „https://multisprech.org/leicht-zum-lesen/“

    Über Hinweise und Ergänzungen würden wir uns freuen.
    Schönen Gruß,
    Sabine Manning

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  2. Multisprech

    Vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag!
    Auch Angebote in einfacher bzw. leichter Sprache richten sich an die (abstrakte!) Zielgruppe „funktionaler Analphabeten“. Es lohnt sich, darüber genauer nachzudenken…

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    Antwort

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